Von Zeit zu Zeit erhält die italienische Mediävistik durch die deutsche einen willkommenen Ruck. Ein Beispiel hierfür ist die Veröffentlichung von Adelsherrschaft und städtische Gesellschaft von Hagen Keller im Jahr 1979, durch die die Debatte über den Ursprung der Kommunen wiederbelebt wurde. [1] Ähnlich war es 2003, als Wolfgang Huschner die Königsurkunden zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert aus der neuen Perspektive der "transalpinen Kommunikation" analysierte. [2] Nun geschieht dies erneut mit Ein Reich ohne König? von Étienne Doublier. Letzterer unterscheidet sich jedoch von Keller und Huschner durch eine grundlegende biografische Tatsache. Er ist nämlich in Italien geboren und kulturell sowie historiografisch geprägt. Erst später zog er nach Deutschland, wo er derzeit lehrt. Das im Mittelpunkt dieser Rezension stehende Buch ist das Ergebnis dieser besonderen italienisch-deutschen Prägung. Es handelt sich um seine 2023 an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln vorgelegte Habilitationsschrift.
Doubliers Beherrschung der deutschen und italienischen Mediävistik zeigt sich in der umfangreichen Bibliografie des Bandes (XIV-LXXIV) und in den wichtigsten Fragestellungen, die ihn bewegen. Diese drehen sich um das Thema der Beziehung zwischen den lokalen politischen Akteuren und den Königen, das durch einen Dialog zwischen der historiografischen Debatte über die "Königsherrschaft ohne Staat" und die Formen der politischen Kommunikation, die die deutschen Mediävisten lange Zeit beschäftigt hat, und der Debatte über die signoria und die "Allodialisierung der Macht" (allodializzazione del potere), nach einer berühmten Definition von Giovanni Tabacco, der viele Jahre lang die italienische Mediävistik dominiert hat, behandelt wird. Beide historiografischen Ansätze, die Doublier mit Erfolg zu überwinden versucht, werden in der wichtigen Einleitung zu seinem Band (1-34) klar zusammengefasst.
Von Tabacco hat Doublier einen grundlegenden Gedanken aufgegriffen, der sich durch sein gesamtes Buch zieht: die Idee, dass die politische Krise, die das regnum Italicum zwischen dem Ende des 11. und dem Beginn des 12. Jahrhunderts durchlief, zu einem neuen politischen "Experiment" führte, in dem "alles möglich wurde", trotz der wiederholten Abwesenheit der Könige. [3] Um dieses "Experiment" zu verstehen, betrachtet Doublier die Geschichte der Italienpolitik der deutschen Könige und Kaiser aus einer Perspektive, die der bisher vorherrschenden entgegengesetzt ist. "Was die Forschung allzu oft als Italienpolitik der nordalpinen Herrscher bezeichnet hat", schreibt er, "war in den meisten Fällen eine Königspolitik, die aus dem regnum Italicum hervorging und von den Königen und Kaisern unterschiedlich rezipiert wurde" (602).
Ausgehend von diesen Voraussetzungen steht im Mittelpunkt von Doubliers Forschung der Zeitraum zwischen der Herrschaftsübernahme Heinrichs IV. im Jahr 1056 und dem Tod Konrads III. im Jahr 1152, eine historische Epoche, die oft übersehen wird, weil sie von der ottonischen oder der Stauferzeit "überlagert" wird. Doublier analysiert diese Phase mit innovativen konzeptuellen Instrumenten, dank derer es ihm gelingt, die politischen Beziehungen zu verstehen, die sich zwischen den lokalen Akteuren des regnum Italicum und ihren Königen entwickelten, die oft nicht in dem Reich anwesend waren, das sie hätten regieren sollen. Es handelt sich um die Konzepte von Akzeptanz, Deutung und Repräsentation, die er aus den Studien Egon Flaigs, Hans-Werner Goetz', Otto Gerhard Oexles und Hagen Kellers übernimmt. Sie werden auf die verschiedenen Situationen angewendet, die in den vier Kapiteln von Doubliers umfangreichem Buch rekonstruiert werden, das dieselbe historische Periode aus vier verschiedenen Perspektiven nachzeichnet. Wie Doublier selbst zusammenfasst (20), widmet sich das erste Kapitel den Formen der Interaktion zwischen dem Herrscher und den lokalen Akteuren (35-156), das zweite der Mitwirkung südalpiner Kräfte an der herrscherlichen Urkundenpraxis (157-323), das dritte dem Rekurs auf königliche Modelle, Praktiken und Symbole im Rahmen der lokalen Rechtsprechung und Schriftlichkeit (324-457) und das vierte dem Wissen über Könige und Königsherrschaft in historiographischen Texten (458-586). Hinzu kommen eine nützliche Schlussbetrachtung (587-602) und ein Anhang mit 10 Karten und zahlreichen Abbildungen (603-636) von Diplomen, die in den verschiedenen Kapiteln analysiert werden.
Wie bereits erwähnt, bilden das zweite und dritte Kapitel den eigentlichen Kern des Buches. Sie folgen auf die detaillierte historisch-politische Rekonstruktion der Handlungen von Heinrich III. bis Konrad III., die im ersten Kapitel vorgestellt wird. Ihnen folgt die Analyse der historisch-narrativen Quellen des regnum Italicum im vierten Kapitel, das aus methodologischer Sicht am wenigsten überzeugend ist, weil Doublier fast nur Werke, die sich ausdrücklich auf das königliche Handeln beziehen, ausgewählt hat. Aber war nicht die Entscheidung, wenig oder gar nicht über Könige zu sprechen, schon an sich eine politische Stellungnahme, die es zu berücksichtigen galt?
Unabhängig davon ist die in den Kapiteln 2 und 3 vorgestellte Rekonstruktion sehr überzeugend. Deren umfassende Analyse wird noch lange Zeit ein wichtiger Bezugspunkt für alle bleiben, die sich mit dem regnum Italicum befassen. In diesen Kapiteln erreicht Doublier voll und ganz sein Ziel, "einen Überblick über Mitwirkung und Stellung italienischer Akteure im Rahmen der Urkundenpraxis der römisch-deutschen Könige und Kaiser von 1056 bis 1152 zu liefern". (164) Insbesondere gelingt es ihm, den engen Zusammenhang zwischen dem politischen Bruch des 11. und 12. Jahrhunderts, der bereits von Tabacco festgestellt worden war, und dem Rückgang der Rolle des königlichen oder kaiserlichen Kanzlers für Italien nachzuweisen. Gleichzeitig hebt er die parallel dazu zunehmende politische Rolle der notarii hervor, die sowohl für die Akzeptanz der Könige als auch für deren Repräsentation von zentraler Bedeutung war. In diesem Zusammenhang skizziert er überzeugend die verschiedenen Formen des politischen Handelns der italischen Akteure - in erster Linie kirchliche, aber nicht nur - bei der Abfassung der königlichen Diplome. Insbesondere rekonstruiert er, wie seit dem Ende des 11. Jahrhunderts nicht mehr die lokalen politischen Akteure selbst durch das Erbitten einer königlichen Urkunde nach Legitimität strebten, sondern wie die Herrscher versuchten, sich gegenüber den lokalen Akteuren durch die Vermittlung von notarii zu legitimieren. Vor diesem Hintergrund widmet Doublier den beispielhaften Fällen der domus Mathildis und Mailand zu Recht viel Raum.
Dank einer raffinierten Analyse der Diplome und anderer Quellen wie den placita gelingt es Doublier ein neues, innovatives Bild der Beziehungen zwischen den politischen Akteuren des regnum Italicum und den Königen oder Kaisern jenseits der Alpen zu zeichnen. Dabei stellt er überzeugend dar, dass es stets die Idee des regnum war, die den verschiedenen politischen Akteuren Legitimität verlieh und nicht die Anwesenheit oder Abwesenheit eines einzelnen Königs.
Anmerkungen:
[1] Hagen Keller: Adelsherrschaft und städtische Gesellschaft in Oberitalien. 9. bis 12. Jahrhundert, Tübingen 1979.
[2] Wolfgang Huschner: Transalpine Kommunikation im Mittelalter. Diplomatische, kulturelle und politische Wechselwirkungen zwischen Italien und dem nordalpinen Reich (9.-11. Jahrhundert), 3 Bde, Hannover 2003.
[3] Giovanni Tabacco: Sperimentazioni del potere nell'alto Medioevo, Torino 1993, 119-138.
Étienne Doublier: Ein Reich ohne König? Akzeptanz, Deutung und Repräsentation königlicher Herrschaft im regnum Italicum zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert (= Monumenta Germaniae Historica. Schriften; Bd. 84), Wiesbaden: Harrassowitz 2024, 666 S., Diverse Farbabb., ISBN 978-3-447-12274-0, EUR 115,00
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