Was einmal untergetaucht wurde, bleibt nicht zwangsläufig für immer unter der Oberfläche. Diese scheinbar einfache Beobachtung gewinnt ihr analytisches Potenzial dort, wo sie nicht nur als Metapher, sondern als Beschreibung konkreter ökologischer, medialer und politischer Prozesse verstanden wird: als Bewegung zwischen Versenkung und Wiederkehr, zwischen Unsichtbarkeit und erneuter Artikulation. Von hier aus entwickeln Marie-Sophie Beckmann und Petra Löffler die konzeptuelle Leitfigur ihres 2025 bei Diaphanes erschienenen Sammelbandes Sub(e)merging: Experiences, Practices and Politics from Below.
Der Band versammelt Beiträge, die sich mit Unterwasserökologien und Moorlandschaften, kolonialen Extraktionszonen, filmischen, fotografischen und digitalen Archiven sowie mit künstlerischen Verfahren nicht-anthropozentrischer Wahrnehmung befassen. Im Zentrum steht die Frage, wie Praktiken des Untertauchens, Versenkens und (Wieder-)Auftauchens als epistemische und politische Operationen zu begreifen sind. Das 'Denken von unten' ist dabei keineswegs neu. Von der 'history from below' der 1960er Jahre bis zu postkolonialen Standpunkttheorien der 1980er Jahre markierte 'unten' lange eine soziale oder politische Positionsbestimmung. Im medientheoretischen Diskurs der letzten Dekade hat sich diese Figur jedoch erweitert: 'Unten' bezeichnet zunehmend auch eine geologische, infrastrukturelle und ökologische Tiefendimension, in der materielle und mediale Infrastrukturen selbst als epistemische Akteure in den Blick rücken.
Sub(e)merging führt diese Linien zusammen und setzt sie programmatisch fort. Die Wortkontamination im Titel - Submergence und Emergence - markiert bereits das theoretische Angebot: Das Untertauchen oder Versinken erscheint nicht als stabiler Zustand, sondern als transformativer Modus der Wissensproduktion. Methodisch plädieren die Herausgeberinnen für ein 'Sehen von unten' im Sinne Donna J. Haraways - verstanden als situierte, verkörperte Praxis des 'learning with'. Den zentralen Referenzpunkt bildet Macarena Gómez-Barris' Konzept der 'submerged modes', das ökologische Lebensformen beschreibt, die sich einem 'extractive view from above' entziehen. Ergänzt wird dieses Referenzfeld durch einen Rückgriff auf Hannah Arendts Tiefenmetaphorik [1], die im hier aufgerufenen Kontext nicht selbstverständlich und deshalb als produktive Bezugnahme erscheint. Die zehn Beiträge - hervorgegangen aus einem Workshop an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg im Mai 2023 - entfalten dieses Programm in heterogenen Fallstudien mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer künstlerischer Praxis.
Grundsätzlich folgt der Band keiner strikt systematischen Theoriearchitektur, sondern einer figurativen Dramaturgie, die sich aus der Einleitung heraus entfaltet. Sub(e)mergenz wird zunächst als leiblich erfahrbare Destabilisierung etablierter Blick- und Wissensordnungen eingeführt. Der erste Teil, Unstable Grounds, erkundet schwankende epistemische Gefüge und mäandernde Begriffsverhältnisse: Was passiert, wenn die gewohnten Relationen von Sehen und Wissen medial unterlaufen werden? Die hier versammelten Beiträge schreiten dabei sehr unterschiedliche Assoziationsräume ab: vom Ozeanischen als Denkmodell radikaler Desorientierung (Julia Schade), dem Erdfall ('sinkhole') als symbolischen Kollaps zwischen Natur und (Extraktions-)Kultur (Martin Siegler) bis zur kinematografischen (Re-)Konstruktion einer schneckenzentrierten Umwelt als multisensorisches Abtauchen in die 'snail-experience' eines kanadischen Küstenstreifens (Amelie Wedel).
Im zweiten Teil, Material Aesthetics and Temporalities, wird Sub(e)mergenz anhand exemplarischer Fallstudien aus Performance Art und visueller Kunst als ästhetische Praxis verhandelt. Was die Beiträge verbindet, ist dabei eine geteilte theoretische Prämisse: Materialität ist nicht inert und Zeit nicht linear. Künstlerische Praktiken erscheinen als Orte politischer Artikulation, in denen Körper, Stimme, Erde oder Archiv als bewegliche und widerständige Materialitäten inszeniert werden. In diesem Sinne werden sedimentäre, zirkuläre oder hauntologische Zeitmodelle entlang künstlerischer Arbeiten von Tejal Shah, Gauri Gill, Hajra Waheed, Carolina Caycedo und Verena Melgarejo Weinandt überzeugend entfaltet. Der Bezug zur Leitfigur der Sub(e)mergenz bleibt dabei aber eher assoziativ als konzeptionell zwingend. Am stärksten konzentriert erscheint das Motiv im dialogischen Beitrag von Suza Husse zu Verena Melgarejo Weinandts Videoperformance Pocahunter. In der performativen Figur einer zombifizierten Pocahontas wird koloniale Gewalt nicht bloß erinnert, sondern als körperliche Wiederkehr inszeniert. Sub(e)mergenz tritt hier als Störung linearer Geschichtserzählung hervor - als irritierende Gegenwart, in der Vergangenheit fortwirkt und dekoloniale Gegenwehr neu formiert.
Seine größte analytische Schärfe gewinnt der Band im dritten Teil, Archives and their Politics. Sub(e)mergenz wird hier als Speicherform gedacht, wobei das Archiv grundlegend neu bestimmt wird: nicht als Ort stabiler Bewahrung, sondern als beweglicher, sedimentierter (Un)Ordnungsraum - ein 'morastiges' Gefüge (Hannah Schmedes), in dem Sichtbarkeit und Bedeutung durch Transformation und Wiederkehr immer wieder neu verhandelt werden. Schlagworte wie 'Anarchival Repair' (Johanna Laub) verweisen dabei auf die Möglichkeit, Archive als Orte der Reaktivierung und der produktiven Arbeit am Fragmentierten und Zerfallenen zu denken. Damit werden auch tradierte Vorstellungen von 'Wiederherstellung' oder Ursprungsfixierung dezentriert.
Sub(e)merging liefert ein anregendes Denkangebot für eine kritische Kunst- und Medienwissenschaft, die ihre Konzepte nicht von stabilen Oberflächen ableitet, sondern die Oberfläche selbst als prozessuales Gefüge versteht. Die Stärke des Bandes liegt dabei weniger in der theoretischen Systematisierung als in der Verdichtung und Neuakzentuierung bereits etablierter dekolonialer, queer-feministischer und medienökologischer Debatten sowie in einem konsequent politischen Interesse an strukturellen Zusammenhängen zwischen extraktiven Ökonomien und visuellen Ordnungen. Gleichwohl ließe sich der produktiv gesetzte Vorrang des Politischen durch eine stärkere medienästhetische Präzisierung ergänzen. "What does it take to go deep?" (29). Der 'submerged mode' kann auch operativ gelesen werden: als medialer Funktionszustand - von der Taucherglocke bis zum Wearable - und somit gleichsam als Resultat technologischer Ermöglichung wie Begrenzung. Zwar wird Medialität reflektiert, doch erscheint der Begriff der 'Tiefe' meist als ontologische oder historische Kategorie, und eher punktuell als Effekt konkreter Registraturtechnologien. Sub(e)mergenz vollzieht sich nicht außerhalb medialer Dispositive, sondern in ihnen. Am deutlichsten wird diese operative Dimension im Beitrag von Martin Siegler, der das 'sinkhole' als mediales Ereignis analysiert und Tiefe nicht als geologischen Befund, sondern als bildtechnisches Erzeugnis lesbar macht.
Die begriffliche Offenheit darf jedoch auch und vor allem als produktive Pointe des Bandes gelesen werden: Sub(e)mergenz behauptet keine geschlossene Theorie, sondern bleibt Suchbewegung.
Anmerkung:
[1] In ihrem Essay zu Walter Benjamin beschreibt Hannah Arendt Geschichte als Meeresgrund, in dem sich im Zerfallsprozess 'kristallisierte Formen' bilden, die vom 'Perlentaucher' als Fragmente geborgen werden können. Vgl. Hannah Arendt: Men in Dark Times, New York 1968, 204.
Marie Sophie Beckmann / Petra Löffler (eds.): Sub(e)merging. Experiences, Practices and Politics from below, Berlin: Diaphanes Verlag 2025, 262 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-0358-0751-6, EUR 35,00
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