sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8

Francesco Bianchi / Stefania Mason (a cura di): San Nicolò dei Mendicoli

Der zehnte Band der Reihe Chiese di Venezia liegt nun vor. Er widmet sich einer Pfarrkirche - "una delle più ricche chiese parrochiali della città" (III) -, die fernab ausgetretener Touristenpfade im Sestiere Dorsoduro gewöhnlich unterhalb des bildungsbürgerlichen Besucherradars verharrt: San Nicolò dei Mendicoli.

Die Kirche gehört zu den ältesten der Stadt: Sie wurde wohl bereits im 7. Jahrhundert von Flüchtlingen gegründet, die vor den Langobarden in die Lagune geflohen waren. Archäologische und schriftliche Quellen, mit deren Hilfe die Geschichte des Bauwerks rekonstruiert werden kann, setzen freilich erst im 12. Jahrhundert ein.

Die Herkunft des Beinamens "Mendicoli" ist interpretationsbedürftig: Er wird zum einen von der ehemaligen Insel Mendigola abgeleitet, zum anderen aber auch mit dem venezianischen Wort für "Bettler" in Verbindung gebracht. Tatsächlich war das Viertel jahrhundertelang von armen Fischern und Handwerkern bewohnt - "abitanti di bassa estrazione sociale". (2) Die Kirche war dem heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Seefahrer und Fischer, daneben der Hl. Marta und dem Hl. Niceta dediziert und bildete das religiöse Zentrum der Fischergemeinschaft der Nicolotti, die in einer traditionsreichen Rivalität zu den Fischern des Stadtteils Castello stand.

Nachdem die erste Kirche bei den großen Stadtbränden von 1106 und 1149 schwer beschädigt worden war, entstand im 12. Jahrhundert der heutige romanisch-byzantinische Bau mit seinem markanten Campanile. Im 15. Jahrhundert erhielt die Kirche einen kleinen Portikus, während der Innenraum im 16. Jahrhundert mit vergoldeten Holzfiguren und Gemälden prächtig ausgestattet wurde. Den Beinamen eines "tempio d'oro", eines "goldenen Tempels", trug sie seit diesem Zeitpunkt völlig zu Recht. Die notorische Armut der Gemeinde verhinderte weitere Baukampagnen.

In den 12 Beiträgen des Bandes, drei thematischen Sektionen zugewiesen, wird den historischen Ereignissen in und um diese Kirche mit ihren Kunstschätzen vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart hinein nachgespürt (I. La fabbrica di San Nicolò dei Mendicoli e i suoi restauri; II. Tra marginalità e inclusione: la contrada di San Nicolò dei Mendicoli a Venezia; III. Arredi, decorazioni e committenti della chiesa di San Nicolò dei Mendicoli). Einen besonderen Gewinn stellt die reiche Bebilderung dar - Fotographien, die von Francesco Turio Böhm eigens für diese Publikation angefertigt worden sind.

Der einleitende Beitrag von Paola Modesti (À rebours. Per una storia della chiesa di San Nicolò dei Mendicoli, 11-30) spürt den unterschiedlichen Bau- und Restaurierungsphasen von San Nicolò dei Mendicoli nach, während Luca Scappin die Kirche als Fallbeispiel für eine ausgedehnte, für das Venedig des 19. Jahrhunderts so typische Restaurierungskampagne heranzieht (Il "ripristino" delle forme architettoniche medievali nei restauri del primo Novecento a Venezia: il caso della chiesa di San Nicolò dei Mendicoli, 31-43). Ergänzt wird dieser Überblick durch zwei kleinere Aufsätze, in denen Marco Zordan und Guy Elliott die restauratorischen Anstrengungen der unmittelbaren Gegenwart Revue passieren lassen und dabei zu Recht das (finanzielle) Engagement des 1972 durch den früheren Botschafter Großbritanniens in Italien, Sir Ashley Clarke, gegründeten "Venice in Peril Fund" hervorheben.

Zentral für die historische Kontextualisierung sind die Beiträge von Ermanno Orlando (La communità dei Nicolotti tra spazi di autogoverno e discorsi identitari, 55-78) und Francesco Bianchi (La contrada di San Nicolò dei Mendicoli e la sua confraternità nel tardo medioevo, 79-92). Während ersterer vor allem die Patrozinientrias aus Nikolaus, Marta und Niceta untersucht, widmet sich letzterer dem sozial-religiösen Hintergrund der Nicolotti und deren Verankerung im Gesamt des venezianischen Bruderschaftswesens.

Durch den Rückgriff auf die reiche Überlieferung des Staatsarchivs und des Archivs des Patriarchats gelingt Carlo Urbani eine überzeugende Rekonstruktion der Aktivitäten von Antonio Zalivani, seit 1790 Pfarrer an San Nicolò dei Mendicoli, und glühender Verfechter demokratischer Prinzipien (Dai margini al centro: un parroco e la sua parrochia nella stagione della rivoluzione democratica, 93-104). Ähnliches leisten Sara Olivieri und Valentina Sapienza mit Blick auf Salomon Lando, seit 1577 an der Spitze der Gemeinde, und verantwortlich für den christologischen Gemäldezyklus, den Alvise del Friso und Jacopo Palma il Giovane ausführten und der mit dafür verantwortlich war, die Kirche zum templum aureum zu machen (Il "ristauro universal" del pievano Salomon Lando nella chiesa di San Nicolò dei Mendicoli. (157-188) In einem Anhang ediert werden 1. ein Bericht zur Wahl Landos zum Pfarrer, 2. eine um 1760 entstandene Auflistung aller Altäre innerhalb der Kirche und 3. das Testament Landos, das wertvolle Rückschlüsse auf seine Verbindung zur Adelsfamilie Lando zulässt. Zwölf ganzseitige Bildtafeln sind dem Christuszyklus gewidmet. (191-202) Arianna Candeago ergänzt Urbanis Ausführungen um die Analyse eines Endes des 16. Jahrhunderts für die Kirche Santa Croce in Belluno entstandenen Christuszyklus. (219-236)

Der außergewöhnlich reichen künstlerischen Ausschmückung der Kirche spüren Cristina Guarnieri mit Blick auf eine fragmentarisch erhaltene, an einer Wand des Dachbodens im Pfarrhaus befindliche Kreuzigungsszene des 14. Jahrhunderts (107-1221), Marco Toffanini mit Blick auf die (in großen Teilen) verlorene Ausstattung der cappella maggiore und des Chorbereichs der Kirche (123-141) nach. Auf die von Agostino Valier, Bischof von Verona, 1581 durchgeführte Visitation der Pfarrei und die Rolle, die das Kunst- und Liturgieverständnis des bischöflichen Visitators dabei spielten, geht Beatrice Tanzi ein (143-155). Sic transit gloria mundi! möchte man nach der Lektüre von Elena Frosios Untersuchung über die Zerstreuung der Kunstschätze der Kirche ausrufen, die bereits im 17. Jahrhundert einsetzte (203-217) - eine Untersuchung, die vergleichsweise wenig über das Schicksal der verschwundenen bzw. translozierten Objekte, sehr viel jedoch über die sozialen Beziehungen der Nicolotti untereinander zu sagen weiß.

Der Band endet mit einer Auswertung der Schriften des Pietro Gradenigo und Antonio Visentini, die beide im 18. Jahrhundert die Kirche mit ihrer Ausstattung, vor allem aber die Arbeiten in der Sakramentskapelle detailliert beschrieben. In den Blick geraten hier auch die zeitgleich entstandenen Fresken, deren Bildprogramm analysiert wird (237-254).

Erstaunlich, dass sich in der Fülle der Artikel kein Beitrag zur Orgel bzw. zur musikalischen Praxis in der Kirche findet. Mehrfach erwähnt werden zwar die hochwertig ausgeführten und bemalten Orgelflügel, die sich heute in einer Privatsammlung befinden, auf die Geschichte des Instruments wird jedoch mit keiner Silbe eingegangen. [1]

Mit der vorliegenden Aufsatzsammlung liegt nun der status quo der Forschungen zu einer der geographisch randständigen, historisch und künstlerisch aber hochbedeutenden Kirchen Venedigs vor. Rund 70 Jahre wird es bedürfen - einen jährlichen Publikationsrhythmus vorausgesetzt - bis alle der ca. 80 wichtigeren Kirchen der Serenissima (von den Kapellen und Oratorien ganz zu schweigen) monographisch erfasst sein werden. Eine Herkulesaufgabe, die jedoch aller Ehren wert ist.


Anmerkung:

[1] Die Flügel werden heute in Calvagese della Riviera im MarteS Museo d'arte Sorlini gezeigt. Zur Orgel maßgeblich noch immer Massimo Bisson: Meravigliose macchine di giubilo. L'architettura e l'arte degli organi a Venezia nel Rinascimento, Verona 2012, 319-330.

Rezension über:

Francesco Bianchi / Stefania Mason (a cura di): San Nicolò dei Mendicoli. Società, arte e devozioni ai margini di Venezia (= Chiese di Venezia; 10), Roma: Viella 2025, XIII + 326 S., 126 Farb-Abb., ISBN 979-12-5701-089-8, EUR 45,00

Rezension von:
Ralf Lützelschwab
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Lützelschwab: Rezension von: Francesco Bianchi / Stefania Mason (a cura di): San Nicolò dei Mendicoli. Società, arte e devozioni ai margini di Venezia, Roma: Viella 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/07/41019.html


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