sehepunkte 26 (2026), Nr. 9

Markus Laufs: "In viam pacis"

Seit ihrer 'Reanimation' und kulturgeschichtlichen Neuausdeutung hat die New Diplomatic History eine nunmehr kaum überschaubare Fülle an Publikationen hervorgebracht. Während sich im englischsprachigen Raum ein pointiert-essayistischer Zugriff durchgesetzt hat, setzt die deutsche Forschung vorwiegend auf ein anderes Modell: Methodisch-konzeptionelle Grundlagen werden ausführlich reflektiert, Quellenbestände nahezu vollständig erschlossen und klar eingegrenzte Untersuchungsgegenstände in möglichst umfassender Weise ausgeleuchtet. Die zu rezensierende Bonner Dissertation von Markus Laufs ist ein besonders markanter Vertreter jener zweiten Tradition und löst deren Stärken deshalb auch besonders überzeugend ein. Gerade weil der Autor ihr so konsequent folgt, legt seine annähernd 600 Seiten umfassende Studie aber auch einige (kleinere) Probleme des Modells offen.

Neben ihrer naheliegenden diplomatiegeschichtlichen Relevanz kommt der Arbeit ebenso hohe Bedeutung im Kontext der historischen Friedensforschung zu. Steht doch in ihrem Kern die Frage, wie in der Frühen Neuzeit Konflikte jenseits des Schlachtfelds ausgetragen bzw. einer Lösung zugeführt werden konnten. (13) Spezifisch interessiert sich Laufs für die bis heute hochgradig flexible und vergleichsweise gering standardisierte Friedensvermittlung, also Wege der Friedensfindung unter Hinzuziehung von Mediatoren in dieser Epoche. Wie der Historiker zu Recht anmerkt (20), besteht hier ein Desiderat der Forschung, das er für päpstliche und niederländische Friedensvermittlung auf den Kongressen von Westfalen (1643-1649) und Nimwegen (1676-1679) en détail adressiert.

Dieser vergleichende Ansatz ist die große Stärke der Arbeit, auch wenn die Beschränkung auf Mediation des Heiligen Stuhls zwischen Frankreich und dem Kaiser sowie auf Mediation der Niederlande zwischen Frankreich und Spanien nur bedingt einleuchtet. Ist sie mit Blick auf die Eingrenzung des Analysecorpus nachvollziehbar (51), wäre es doch sehr interessant gewesen, die päpstliche Vermittlung zwischen Frankreich und Spanien ebenso systematisch in den Blick zu nehmen. Ferner führt der Fokus auf Konstellationen mit Friedensvermittlung dazu, dass die Frage nach dem Mehrwert derselben nur am Rande adressiert wird. So wäre es etwa aufschlussreich gewesen, eingehender zu betrachten, wie Frankreich und Spanien ihre in Münster nicht gelöste Konfrontation zehn Jahre später unter Verzicht auf dritte Parteien am Verhandlungstisch im Pyrenäenfrieden beilegten.

Unabhängig davon kommt die methodisch auf einem praxeologischen Fundament fußende Studie im Zuge des Vergleichs zu zahlreichen gewinnbringenden Erkenntnissen - nicht zuletzt deshalb, weil Laufs ein klares Analyseraster an die Quellen heranträgt. Auf die Einleitung und begriffliche Reflexionen folgen eine historische Kontextualisierung, ein Überblick zur Zusammensetzung der Gesandtschaften sowie ein Kapitel zum Setting der Praktiken. Im Hauptteil unterscheidet Laufs dann elf Vermittlungspraktiken, die er in drei Gruppen - regulative (Regulieren, Einrichten, Vorsitzen, Beglaubigen, Aufbewahren), translative (Übermitteln, Übersetzen, Vergleichen) sowie diskursive (Kommentieren, Vorschlagen, Redigieren) - einteilt und untersucht. Die Syntheseleistung ist auch deswegen beeindruckend, da sie nicht nur auf bereits bekanntem Archivmaterial beruht, sondern auf der Erschließung bisher kaum beachteter Corpora. Das gilt besonders für die Finalrelationen (verbalen) niederländischer Gesandter im Nationaal Archief (Den Haag).

Zu den zentralen Ergebnissen der Studie ist die enorme Bedeutung von Vermittlern zu zählen, die nicht nur zwischen zwei Parteien standen, sondern normativ in Erscheinung traten, Abläufe regulierten, Gleichrangigkeit herstellten, Informationen übermittelten und übersetzten, Positionen verglichen, Vorschläge kommentierten und an der Redaktion von Texten beteiligt waren. Übersetzung erscheint dabei nicht nur als sprachlicher Vorgang, sondern - so ein besonderer Impetus der Argumentation - kann ebenso medial-kulturelle Dimensionen annehmen. (403) Friedensvermittlung erweist sich als eigenständiges Feld mit beträchtlichem Gestaltungsspielraum, was in der Vormoderne dadurch begünstigt wurde, dass Unparteilichkeit der Vermittler weder institutionell abgesichert noch in allen Situationen uneingeschränkt eingefordert worden wäre.

Die wichtigste Funktion von Mittlern war die Generierung von Vertrauen (227), wobei die von Laufs untersuchten Vermittler von unterschiedlichen Prämissen ausgingen. Während es dem Papsttum unter Mediatoren wie Fabio Chigi um das Bestätigen einer tradierten, aber seit der Konfessionalisierung umstrittenen Rolle als Vermittlungsinstanz ging, war es Emissären der Niederlande wie Adriaan de Pauw wichtiger, die Republik der Vereinigten Provinzen als souveränen Akteur im europäischen Mächtegefüge zu etablieren.

Ungeachtet divergierender Ausgangslagen weist Laufs über reiche Quellenkenntnis und konsequente Orientierung an den elf Praktiken überzeugend nach, dass niederländische und päpstliche Diplomaten on the ground häufig mit einem ähnlichen Instrumentarium operierten; konkret etwa mit Blick auf den Zeitpunkt, zu dem sie Vorschläge einbrachten, was primär in prekären Verhandlungssituationen geschah. (467) Bemerkenswert ist auch, dass die sozialen Hintergründe der Vermittler Laufs zufolge nur wenig Einfluss auf den Vollzug ihrer Praktiken gehabt hätten (530) - eine These, die so gewiss nicht in allen diplomatiegeschichtlichen Arbeiten akteurszentrierter Tradition zu finden ist. Hier stellt sich die methodische Frage, ob der Befund nicht auch damit zusammenhängen könnte, dass der Historiker in seiner Definition von Praktiken hohes Gewicht auf Standardisierung und Bewusstheit gelegt hat. Unter dieser Voraussetzung geraten individuelle Handlungsmuster von vornherein weniger in den Blick. Laufs entwickelt aus seiner Beobachtung die weiterführende These, dass sich Diplomaten wie der mit Chigi kooperierende Venezianer Alvise Contarini auf eine seit dem 14. Jahrhundert bestehende, wenn auch kaum verschriftlichte Tradition des Vermittelns bezogen. Zugleich kann die Arbeit aufgrund ihrer chronologischen Spannweite Wandlungsprozesse des Vermittelns offenlegen - in Nimwegen war beispielsweise das Aushandeln eines Waffenstillstands prioritär, während es in Münster noch als optional angesehen worden war. (533)

Wie eingangs erwähnt muss Laufs für seine sehr instruktiven Ergebnisse Konzessionen in Kauf nehmen. Dazu zählt neben dem engen Analysefokus ein konzeptionell-terminologischer Vorbau, der mit über 100 Seiten schlichtweg zu lang ausfällt, zumal hier vielfach Forschungsdebatten reflektiert werden, die vor Erscheinen des Werks hinreichend publiziert worden sind, sodass ein Verweis auf sie gereicht hätte. Die eigentliche Analyse der Praktiken beginnt erst auf Seite 259 und damit spät. Manche Fußnote weist Kürzungspotenzial auf, auch wenn der Rezensent aufgrund eigener Praktiken in dieser Frage zurückhaltend formulieren muss. Ungeachtet jener kleinen, teils auch durch die Gesamtkonstruktion bedingten Monita stellt die Arbeit einen zukunftsweisenden Beitrag auf den Feldern der Diplomatiegeschichte und Friedensforschung dar, der über den historischen Untersuchungsgegenstand weit hinausweist. Künftige Untersuchungen werden folglich in vielfacher Weise an Laufs' Arbeit anschließen können, etwa indem sie danach fragen, unter welchen Bedingungen frühneuzeitliche Akteure auf Friedensvermittler setzten und wann auf sie verzichtet wurde.

Rezension über:

Markus Laufs: "In viam pacis". Praktiken niederländischer und päpstlicher Friedensvermittlung auf den Kongressen von Münster (1643-1649) und Nimwegen (1676-1679) (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz; Bd. 268), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2022, 598 S., ISBN 978-3-525-31144-8, EUR 90,00

Rezension von:
Georg Kaulfersch
Lehrstuhl für Neuere Geschichte, Universität Regensburg
Empfohlene Zitierweise:
Georg Kaulfersch: Rezension von: Markus Laufs: "In viam pacis". Praktiken niederländischer und päpstlicher Friedensvermittlung auf den Kongressen von Münster (1643-1649) und Nimwegen (1676-1679), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2022, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/09/37203.html


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