Jonas Klein: »Der Prophet des Staatsgedankens«. Hans Delbrück und die »Preußischen Jahrbücher« (1883-1919) (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; Bd. 111), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2024, 471 S., ISBN 978-3-525-30238-5, EUR 80,00
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In seiner Potsdamer Dissertation widmet sich Klein dem Historiker, Publizisten und liberal-konservativen Politiker Hans Delbrück, ohne indes eine klassische Biographie des zeitweilig enorm einflussreichen Intellektuellen vorzulegen. Vielmehr fokussiert Klein auf Delbrücks Wirken in und mit den "Preußischen Jahrbüchern", die er von 1883 bis 1889 gemeinsam mit Heinrich von Treitschke und danach bis 1919 in Alleinverantwortung herausgab. Es geht ihm um eine "Beziehungsgeschichte von Herausgeber und Zeitschrift", wobei er Delbrück als "Seismograph für die politische Kultur des Kaiserreichs" (11) ansieht. Das Material für eine solche Beziehungsgeschichte ist reichhaltig: Aus Delbrücks Feder stammen mehr als 800 für die "Preußischen Jahrbücher" verfasste Beiträge, und für Kleins Fragestellung ist auch relevant, welches publizistische Agenda-Setting Delbrück mit der Themenauswahl und Autorenakquise für seine Zeitschrift betrieb. Dies lässt sich über seinen persönlichen Nachlaß und die Geschäftspapiere der "Preußischen Jahrbücher", die Klein sorgfältig ausgewertet hat, gut nachvollziehen.
Im Anschluss an die den engeren (Delbrück) und weiteren (Intellektuellengeschichte des Kaiserreichs) Forschungsstand sachkundig diskutierende Einleitung gibt Klein in einem zweigeteilten Kontextkapitel konzise Überblicke der Biographie Delbrücks sowie der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der "Preußischen Jahrbücher". Den Hauptteil seiner Untersuchung hat er in vier Großkapitel gegliedert. Das erste von ihnen behandelt die "Ära Bismarck" in Delbrücks Wahrnehmung und der Darstellung in den "Preußischen Jahrbüchern". Klein geht hier in drei Schritten vor: Das Unterkapitel "Der Staat Bismarcks" analysiert die grundsätzlichen Stellungnahmen zur Verfassung des Kaiserreichs, die als Mischverfassung weitgehend Delbrücks staatspolitischen Idealen entsprach - so weitgehend jedenfalls, dass er reaktionäre Staatsstreichpläne konsequent ablehnte und statt einer Einschränkung des Wahlrechts eher für dessen Reform optierte. Die beiden folgenden Unterkapitel richten den Blick auf die von Bismarck als "Reichsfeinde" geschmähten politischen Großgruppen der Katholiken und Sozialdemokraten. Delbrück setzte ihnen gegenüber nicht auf Konfrontation, sondern auf Integration, wie Klein herausarbeitet: Er habe die "Preußischen Jahrbücher" zu einer "Plattform im Sinne der interkonfessionellen Versöhnungsarbeit" machen wollen (112), und als Heilmittel gegen die sozialistische Gefahr sah er sozialpolitische Reformen bei Verzicht auf Repressionsmaßnahmen, was ihm eine "gewisse Anerkennung unter der deutschen Sozialdemokratie" einbrachte (141).
Das zweite Großkapitel der Arbeit ist den "innenpolitischen Krisenherden der Wilhelminischen Epoche" gewidmet, worunter Klein in erster Linie die Konflikte mit den nationalen Minderheiten (Polen, Dänen, Elsass-Lothringen) subsumiert. In deren Reihe fügt sich nicht ganz gut das Thema "Frauenemanzipation", das an anderer Stelle aber wohl auch nicht besser unterzubringen gewesen wäre, in jedem Fall aber eine gesonderte Behandlung verdient, da Delbrück ihr erstaunlich große Aufmerksamkeit schenkte. Seine Haltung ähnelte dabei seinen Stellungnahmen zur Sozialdemokratie: Er vertrat eine "frauenpolitische Linie, die moderate Reformen als unvermeidlich ansah, die als sanfter, evolutionärer Prozess von statten gehen sollten, an statt [sic!] die überkommenen Grenzen zwischen den geschlechtlich bestimmten Lebenssphären einfach niederzureißen" (241).
Während Delbrück mit seiner punktuellen Offenheit gegenüber Anliegen der Sozialdemokratie und der Frauenbewegung eine Sonderstellung im liberal-konservativen Intellektuellenmilieu einnahm, schwamm er in den außenpolitischen Debatten der wilhelminischen Epoche mit dem staatstragenden Mainstream. Die zeigt Klein im dritten Großkapitel seiner Studie auf, das Delbrücks Einschätzungen der "außenpolitischen Krisenherde" analysiert. Hier geht es in drei Unterkapiteln um die allgemeinen bündnispolitischen Konjunkturen ("Konzert der Mächte"), die Rüstungspolitik des Kaiserreichs sowie um die kolonialen Fragen, denen Delbrück zunehmend größeres Interesse entgegenbrachte. Sie verursachten auch eine Änderung seiner außenpolitischen Haltung insgesamt, wie Klein deutlich hervorhebt: Bis in die Anfänge der Herrschaft Wilhelms II. habe Delbrück die "Parole von der territorialen Saturiertheit des Reiches vertreten", danach aber habe er sich "zum Protagonisten kolonialer Expansion" entwickelt, allerdings ohne dass sich die "Preußischen Jahrbücher" als ein "Vorreiter der Kolonialdebatte" profiliert hätten (311).
Während des Ersten Weltkriegs, dem das vierte Großkapitel gewidmet ist, trat Delbrück wieder mit vergleichsweise moderaten Einschätzungen hervor. Klein illustriert dies auf vier Themenfeldern: in dem zentralen Unterkapitel über "Kriegspolitik und Friedenschancen", das Delbrück als frühen Fürsprecher eines Verständigungsfriedens kennzeichnet, der - wenigstens im Westen - Annexionen ablehnte, aber noch lange Plänen eines Ausbau des deutschen Kolonialbesitzes nachhing; in einem die Chronologie sprengenden Exkurs über die Judenemanzipation und den Antisemitismus, die für Delbrück offenkundig "eine relativ geringe politische Relevanz" hatten (381); in einer Zusammenschau der von Delbrück in den Kriegsjahren vorgetragenen Entwicklungsbilanzen des Kaiserreichs ("Prüfstein der nationalen Integration"); schließlich in der Untersuchung seiner Äußerungen zum Kriegsende und seinen Folgen ("Niederlage und Umbruch"), die Delbrück realistische Einschätzungen (Niederlage als Systemversagen, Überlegenheit des Parlamentarismus in der Führungsauslese) attestiert.
Dies leitet bereits über zur "Schlussbetrachtung", in der Klein eine Gesamtbewertung des politisch-publizistischen Wirkens seines Protagonisten versucht. Ein reines Loblied stimmt er dabei nicht an, sondern konstatiert unterschiedliches Urteilsvermögen auf den verschiedenen Politikfeldern: "Die Akribie und Tiefe", die er mit seinem publizistischen Engagement in der innerdeutschen Nationalitätenpolitik gezeigt habe, sei in seinen Stellungnahmen zu außenpolitischen Themen "selten und ihre Breite nie erreicht" worden, wohl auch, weil er diese als die "ureigenste Domäne der Regierung" akzeptiert habe (428). Gerade damit war Delbrück in der Tat "eine repräsentative Figur für die politische Kultur des Kaiserreichs" (432).
Kennerinnen und Kenner der politischen Geschichte des Kaiserreichs werden Kleins sehr materialreiche und urteilssichere Studie mit Gewinn zur Hand nehmen. Wer sich nicht zu dieser Kategorie zählt und sich die Frage stellen mag, warum sie oder er auf mehr als 400 Druckseiten in die Gedankenwelt eines politischen Publizisten eintauchen soll, anstatt sich mit den Themen, über die er räsonierte, selbst zu beschäftigen, dem sei als Antwort das schöne Diktum Kleins empfohlen, dass Delbrück "als intellektueller Schleusenwärter die politischen Diskurse der Zeit beeinflussen konnte" (434).
Frank Engehausen