Ansgar Schanbacher: Natur als Ressource und Gefahr. Braunschweig, Würzburg und Utrecht in der späten Vormoderne (= Umwelthistorische Forschungen; Bd. 11), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2024, 478 S., 29 s/w-Abb., ISBN 978-3-412-53013-6, EUR 90,00
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Während die Stadt der Vormoderne in der klassischen Historiografie vorrangig als ein Ort der Verdichtung von Kultur, Herrschaft und Ökonomie beschrieben wurde, der sich durch Mauern und Gräben scharf von seinem Umland abgrenzt, wird diese Abgrenzung in der umwelthistorischen Forschung der letzten 30 Jahre stärker aufgebrochen. Vielmehr werden Städte als hybride Räume verstanden, in denen sich Natur und Kultur untrennbar durchdringen, was insbesondere an der Lage an Flüssen, Seen und Meeren liegt. Im Zusammenhang mit Flüssen kommen dabei der Nutzen des Wassers als Energieträger und Transportweg einerseits und das Risiko durch Überschwemmungen, aber auch Dürren [1] andererseits zentral zur Sprache. Mit seiner Habilitationsschrift "Natur als Ressource und Gefahr" legt Ansgar Schanbacher eine beeindruckend breite, vergleichende Studie zur städtischen Umweltgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts vor. Er wählt mit Braunschweig, Würzburg und Utrecht drei europäische Mittelstädte (Regiopolen [2]), die sich in ihrer konfessionellen Prägung (lutherisch, katholisch, reformiert), ihrer politischen Verfasstheit (in das Territorium integrierte Stadt, geistliche Residenz, Teil der niederländischen Republik) und ihrer geografischen Lage signifikant unterscheiden, was den komparativen Zugriff besonders reizvoll macht.
Die Studie gliedert sich logisch in zwei große Hauptteile, die den im Titel genannten Polen folgen: der Nutzung der Natur als Ressource zur Daseinsvorsorge und dem Umgang mit der Natur als Bedrohung. Methodisch stützt sich Schanbacher auf drei zentrale Konzepte: die historische Stadt-Umland-Forschung zur Analyse des städtischen Metabolismus, das Resilienz-Konzept zur Untersuchung der Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen und den Ansatz der Umweltgerechtigkeit, um soziale Ungleichheiten in der Verteilung von Umweltlasten und -gütern zu beleuchten.
Im ersten Hauptteil widmet sich der Autor den existenziellen Ressourcen Wasser, Nahrung und Brennstoff. Besonders hervorzuheben ist hier die differenzierte Analyse der Wasserversorgung. Schanbacher zeigt überzeugend auf, wie technische Pfadabhängigkeiten (etwa die frühzeitigen Wasserkünste in Braunschweig gegenüber der späten zentralen Versorgung in Würzburg) und geografische Gegebenheiten die städtischen "Wasserregimes" prägten. Ein interessantes Ergebnis ist die Feststellung, dass Wasser in den untersuchten Städten trotz technischer Fassung stets ein umkämpftes Gut blieb - sei es durch Verteilungskonflikte zwischen Müllern und Handwerkern oder durch die Verschmutzungsproblematik, die obrigkeitliche Regulierungsversuche oft ins Leere laufen ließ. Im Kapitel zur Nahrungsmittelversorgung gelingt es dem Autor, die enge Verflechtung der Städte mit ihrem direkten Umland, aber auch die Abhängigkeit von fernräumlichen Handelsnetzen darzustellen. Besonders die Analyse der städtischen Gärten als Orte der Subsistenz und die Rolle der Viehhaltung innerhalb der Stadtmauern korrigieren das Bild der "steinernen Stadt". Schanbacher arbeitet heraus, wie im 18. Jahrhundert ästhetische und hygienische Ansprüche der Eliten zunehmend in Konflikt mit den Subsistenzstrategien der ärmeren Bevölkerungsschichten gerieten - etwa beim Streit um Schweinehaltung oder Misthaufen im öffentlichen Raum. Das Kapitel zu den Brennstoffen illustriert eindrücklich die unterschiedlichen Wege der Energiegewinnung: Während Braunschweig und Würzburg im "hölzernen Zeitalter" verharrten und mit dem Topos der Holznot sowie komplexen, oft ineffizienten obrigkeitlichen Regulierungen (Holzmagazine, Sparöfen) kämpften, zeigt sich in Utrecht durch die intensive Nutzung von Torf und den Import von Steinkohle bereits der Übergang zu fossilen Energieträgern.
Der zweite Hauptteil, der sich den Naturgefahren widmet, bietet eine faszinierende Analyse des Wandels von Risikowahrnehmung und Bewältigungsstrategien. Schanbacher untersucht Feuer, Wasser (Hochwasser), Luft (Stürme/Kälte) sowie Tiere und Pflanzen als Störfaktoren. Am Beispiel des Feuers zeichnet er die Entwicklung von einer schicksalhaften Hinnahme hin zu einem technisierten und versicherungsbasierten Risikomanagement nach. Die Einführung von Feuerversicherungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Braunschweig und Würzburg markiert hierbei einen entscheidenden Schritt zur Vergesellschaftung von Risiken, während Utrecht erstaunlicherweise in diesem Bereich zögerlicher agierte. Eindrücklich ist die Darstellung des Umgangs mit dem Hochwasser, insbesondere der Katastrophe von 1784. Hier werden die konfessionellen Unterschiede greifbar: Während in Würzburg Prozessionen und Gebete als zentrale Bewältigungsstrategien neben praktische Maßnahmen traten, dominierte in den Niederlanden ein pragmatisch-technischer Zugang, geprägt von einer jahrhundertealten "amphibischen Kultur" (292, 317). Ein origineller Aspekt ist die Einbeziehung von Tieren und Pflanzen als Aktanten im Sinne einer "animate history" [3]. Die Analyse von Konflikten um tollwütige Hunde, Getreideschädlinge oder wucherndes Unkraut verdeutlicht, dass die Kontrolle über den städtischen Raum nie vollständig war. Die Stadt erscheint hier als ein Ökosystem, in dem der Mensch in ständiger Aushandlung mit nicht-menschlichen Akteuren steht.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist der Nachweis, dass die Aufklärung und das Aufkommen naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle im 18. Jahrhundert zwar die Diskurse der Experten und teilweise der Obrigkeiten veränderten (z.B. in der Debatte um Blitzableiter oder Erdbebenursachen), die traditionellen, religiös geprägten Deutungsmuster in der breiten Bevölkerung jedoch persistent blieben. Zudem widerlegt die Arbeit die Annahme einer rein passiven Stadtbevölkerung. Anhand von Petitionen, der Umgehung von Verboten (etwa beim Holzdiebstahl oder illegalen Handel) und der Selbstorganisation in Nachbarschaften zeigt der Autor, dass die Stadtbewohner über eine hohe Agency verfügten und ihre individuellen Rationalitäten oft gegen obrigkeitliche Normen durchsetzten.
Kritisch anzumerken ist lediglich, dass die Fülle der Details aus den drei Städten stellenweise den Blick auf die übergeordneten Vergleichslinien etwas verstellt. Die kleinteilige Gliederung führt zuweilen zu Redundanzen, insbesondere wenn ähnliche administrative Vorgänge in allen drei Städten nacheinander abgehandelt werden. Auch bleibt der Begriff der "Umweltgerechtigkeit" in der Anwendung auf vormoderne Quellen bisweilen etwas vage, da die Quellenlage selten explizite Diskurse über Gerechtigkeit im modernen Sinne hergibt, sondern diese eher implizit aus Konflikten um Allmenden oder Preistaxen erschlossen werden müssen.
Nichtsdestotrotz ist Schanbachers Arbeit ein gewichtiger Beitrag zur Umweltgeschichte der Frühen Neuzeit. Der innovative vergleichende Ansatz, der deutsche und niederländische Städte in Beziehung setzt, bricht nationale Forschungstraditionen auf und zeigt europäische Parallelen sowie regionale Sonderwege auf. Die Studie belegt eindrucksvoll, dass die Stadt der späten Vormoderne kein statisches Gebilde war, sondern ein dynamischer "Möglichkeitsraum", in dem sich moderne Formen der Daseinsvorsorge und des Risikomanagements (Versicherungen, technische Infrastruktur) bereits herausbildeten, während vormoderne Praktiken der Subsistenzsicherung und religiösen Deutung noch vital waren. Das Buch ist aufgrund seiner Quellenfülle, der methodischen Sauberkeit und der gelungenen Verbindung von Sozial-, Wirtschafts- und Umweltgeschichte nicht nur für Stadt- und Umwelthistoriker von großem Interesse, sondern für alle Forschenden, die sich mit dem Alltag und der Verwaltungspraxis des 17. und 18. Jahrhunderts beschäftigen. Es schärft den Blick dafür, dass Urbanisierung nicht als Gegensatz zur Natur, sondern als spezifische Form der Aneignung und Gestaltung von Natur verstanden werden muss.
Anmerkungen:
[1] Zur Auswirkung von Dürren auf städtische Fluss- und Kanalsysteme vgl. zuletzt Daniél Moerman: A Hydrosocial History of Drought and Societal Resilience in the Cities of Deventer and Zutphen. 1500-1900 (phil. Diss. Vrije Universiteit Amsterdam), Amsterdam 2025.
[2] Jürgen Aring / Iris Reuter (Hgg.): Regiopolen. Die kleinen Großstädte in Zeiten der Globalisierung, Berlin 2008.
[3] Gesine Krüger / Aline Steinbrecher / Clemens Wischermann (Hgg.): Tiere und Geschichte. Konturen einer Animate History, Stuttgart 2014.
Christian Rohr