Rezension über:

Marie A. Kelleher: The Hungry City. A Year in the Life of Medieval Barcelona (= Medieval Societies, Religions, and Cultures), Ithaca / London: Cornell University Press 2025, XVIII + 253 S., eine s/w-Abb., 4 Kt., ISBN 978-1-5017-7938-1, USD 48,95
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Rezension von:
Robert Friedrich
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Robert Friedrich: Rezension von: Marie A. Kelleher: The Hungry City. A Year in the Life of Medieval Barcelona, Ithaca / London: Cornell University Press 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 2 [15.02.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/02/40598.html


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Marie A. Kelleher: The Hungry City

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Dieses Buch ist das Vermächtnis der kurz nach Fertigstellung des Manuskripts nach kurzer schwerer Krankheit viel zu früh verstorbenen Marie Kelleher. Ihren Freundinnen und Kolleginnen, den Reihenherausgeberinnen sowie dem Verlag Cornell University Press ist es zu verdanken, dass dieses beeindruckende Werk schnell publiziert wurde.

The Hungry City beginnt mit der vielzitierten Stelle einer Chronik, die das Jahr 1333/34 als "erstes schlechtes Jahr" der Stadt Barcelona bezeichnet. Der Ausgangspunkt war eine durch Wetterphänomene, Missernten und Krieg ausgelöste Hungersnot, die das vielfach in mediterrane und iberische Zusammenhänge eingebundene Barcelona schwer traf. Diese Beobachtung des Chronisten nimmt Kelleher zum Anlass, um über die Stadt Barcelona während dieses Jahres nachzudenken. Die Hungersnot ist nicht der Gegenstand der Studie, sondern dient als Rahmen für ein Porträt der Stadt selbst. Die Krisenzeit bietet dabei den Vorteil einer breiten Überlieferung, während das Thema der Nahrungsmittelversorgung alle Teile der Gesellschaft und der Organisation des städtischen Raums durchzieht.

Die Autorin wählt einen akteurszentrierten Zugang. Jedes der sechs Hauptkapitel stellt dementsprechend einen Akteur, eine Akteurin oder eine Gruppe in den Mittelpunkt der Untersuchung und erklärt anhand dieser die organisatorischen Strukturen sowie die Lebensrealitäten der Stadt in makro- und mikrohistorischer Perspektive. Diese Art der Darstellung ist elegant gewählt, ermöglicht sie doch der Autorin, sich einen Weg durch das Dickicht der Überlieferung Barcelonas und der Krone Aragon zu schlagen, ohne den Blick für die vielschichtige Komplexität des Themas zu verlieren. Den Leserinnen und Lesern ermöglicht es hingegen, die Ergebnisse anhand konkreter Individuen nachzuvollziehen, was maßgeblich dazu beiträgt, dass die Lektüre ein großes Vergnügen darstellt.

Das erste Kapitel (The Grain) geht vom Getreide selbst aus und beschreibt dessen Weg von der Ankunft am Hafen, der Umladung auf kleinere Schiffe und der Organisation der Träger über die verschiedenen städtischen Verteil-, Verkaufs- und Verarbeitungsstationen bis zum fertigen Brot in den Haushalten. Damit bildet es zugleich eine Einführung in die städtische Geographie und Sozialstruktur der Stadt, deren Beeinflussung durch die Krise danach untersucht wird.

Die Kapitel 2 (The Captain) und 3 (The Captives) nehmen die komplexen mediterranen Netzwerke der Stadt in den Blick. Kapitel 2 fokussiert den Schiffskapitän, Unternehmer und Angehörigen des städtischen Bürgertums Galceran Marquet, der auf vielfältige Weise an den maritimen Aktivitäten Barcelonas beteiligt war - von Handel und Politik bis hin zu Piraterie und Krieg. Kapitel 3 hingegen richtet den Blick auf portugiesische Kaufleute, die auf der Rückreise vom Getreidehandel in Sizilien von Barceloneser Schiffen gefangen genommen und nach Katalonien gebracht wurden, wo ihre Waren verkauft wurden. Dieser Vorfall zog diplomatische Spannungen zwischen der Krone Aragon und dem Königreich Portugal nach sich und führte in der Folge auch zu Konflikten zwischen Barcelona und seinem König.

Die Königsfamilie steht dann auch im Zentrum des vierten Kapitels (The House of Barcelona), in dem die Aushandlungsprozesse einer von konsensualer Herrschaft geprägten Kompositmonarchie in Zeiten einer Nahrungsmittelkrise untersucht werden. Was passiert, wenn die Städte des Reiches in Konkurrenz um Ressourcen treten? Wie verhält sich die Situation Barcelonas als sich selbst verwaltende Einheit mit weitreichender Autonomie im Verhältnis dazu, dass sie auch Teil eines territorialen Verbands ist, in dem institutionelle Strukturen eine ebensolche Rolle spielen wie personelle Verbindungen und Mehrfachzugehörigkeiten?

Kapitel 5 (The Bride) nimmt die Perspektive der jüdischen Frau Bonadona ein, die eine Scheidung ihrer Ehe zu erreichen sucht. Durch ihre Perspektive wird die Situation der jüdischen Minderheit in ihren verschwimmenden Grenzen zwischen alltäglicher Zugehörigkeit und Ausgrenzung in der Stadt erzählt. Kapitel 6 (Preacher, Prohom, Prince) erzählt eine im Zusammenhang mit der Getreideknappheit auftretende Revolte aus drei verschiedenen Blickwinkeln: eines Predigers, der die städtischen Obrigkeiten anklagt, eines Marktaufsehers mit zahlreichen persönlichen, professionellen und politischen Mehrfachzugehörigkeiten, und des Kronprinzen Peter, der die Revolte vor allem als politisches Problem wahrnimmt.

The Hungry City ist dabei weit mehr als eine Studie über eine Hungersnot und sollte auch in der deutschen Mediävistik mit Blick auf seine vielfältigen Anknüpfungspunkte rezipiert werden, wie im Folgenden anhand exemplarisch ausgewählter Themenbereiche gezeigt werden soll. [1]

Ein erstes Forschungsfeld, das von einer Auseinandersetzung mit Kellehers Werk profitieren würde, ist die vergleichende Stadtgeschichte. Bereits im ersten Kapitel kommen vielfältige, die Gestaltung des Alltagslebens betreffende Themen zur Sprache: Marktrechte und -organisation, Transport von Waren, Regelungen für die verschiedenen relevanten Berufsgruppen, Geschlechterbeziehungen, christlich-jüdische Beziehungen, Organisation öffentlicher Öfen sowie die verschiedenen Autoritäten, in deren Abhängigkeit Barcelona stand. Kapitel 5 wirft einen intersektionalen Blick auf die Sozialstruktur der Stadt aus der Perspektive der komplexen jüdisch-christlichen Beziehungen. Und Kapitel 6 zeigt anhand der Aufstände die komplexe und von vielfältigen Mehrfachzugehörigkeiten geprägte Struktur der Stadt.

Ein zweiter, alle Kapitel durchziehender Aspekt ist die Herrschaftsgeschichte, insbesondere die Frage nach den die Herrschaft organisierenden Aushandlungsprozessen in einer Kompositmonarchie, in der auch die Städte ein gewisses Maß an Autonomie für sich beanspruchten. Kelleher zeichnet, vor allem in den Kapiteln 2 und 3, das Bild einer Stadt, die ihre Handlungsspielräume austestet, eine eigene mediterrane Identität aufbaut und die in diesem Zusammenhang entstehenden Netzwerke nutzt, diplomatische Beziehungen knüpft und in erster Linie darauf bedacht ist, die Getreideversorgung der Stadt in der Krise sicherzustellen. Dabei steht sie auch in direktem Konflikt mit anderen Städten desselben Reiches.

Doch werden auch die Grenzen dieser Spielräume deutlich, nämlich dann, wenn sie den Interessen anderer Akteure, insbesondere denen des Königs, widersprechen. Dies zeigt sich vor allem im Kontext der Kriegs- und Bündnispolitik. Auch das Phänomen des Seeraubs ist hier relevant.

Ganz allgemein bietet der Band vielfältige Anknüpfungspunkte für das politische und diplomatische Handeln "nicht-staatlicher" Akteure, die in verschiedenen Abhängigkeitsverhältnissen und sich überlappenden Rollen zueinander stehen: Städte und ihre Räte und Amtsinhaber, Kaufleute, Kapitäne, Handwerker und viele andere. Gerade Kellehers Ausführungen zum Verhältnis von Stadt und König in überregionalen, diplomatischen, kriegerischen und wirtschaftlichen Kontexten könnten beispielsweise für die Hanseforschung von vergleichendem Interesse sein.

Der dritte Aspekt, der hier hervorgehoben werden soll, ist jener der Krise und des Umgangs damit. Durch die verschiedenen akteurszentrierten Perspektiven entsteht ein vielschichtiges Bild einer Hungersnot in einer mediterranen Großstadt, das sowohl den Umgang der Stadt und der sonstigen Autoritäten als auch die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Konsequenzen sorgfältig auslotet. Dabei spielen Betrug und Korruption eine ebensolche Rolle wie Aufstände, Predigten gegen die Obrigkeiten, Handelsembargos, Konfiszierungen und Überfälle zu Land und See. Auch das Zusammenleben der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen in der Stadt, christlich und jüdisch, arm und reich, adlig und nicht-adlig, Handwerker und Kaufleute, politisch mehr oder weniger einflussreiche, usw. ist in vielfältigen komplexen Zusammenhängen von der Krise betroffen und bietet Anknüpfungspunkte für eine mediävistische Sozialgeschichte der Krise.

Marie Kelleher gelingt es auf beeindruckende Weise, auf wenig mehr als 200 Textseiten eine Sozial-, Politik- und Kulturgeschichte des spätmittelalterlichen Barcelonas zu zeichnen. Die zu erhoffende Rezeption des Buches weit über den regionalgeschichtlichen Kontext hinaus wird enorm erleichtert durch eine stilistische Leichtigkeit und gleichzeitige quellengesättigte Tiefe, die nur eine jahrelange Durchdringung des Materials möglich macht. Kelleher bewegt sich mühelos zwischen Makro- und Mikroperspektive und verliert dabei nie den roten Faden, sodass am Ende ein multiperspektivisches und der Komplexität der Sache gerecht werdendes Bild entsteht. Die Hungersnot von 1333/34 in der Stadt Barcelona dient dabei als Brennglas für die Analyse geographisch und zeitlich weit über dieses "erste schlechte Jahr" und die Stadt herausreichender Phänomene und Zusammenhänge. Die Lektüre sei deshalb nicht nur jenen direkt am Thema interessierten Historikerinnen und Historikern empfohlen, sondern im Grunde allen, denen die Geschichte des Spätmittelalters am Herzen liegt.


Anmerkung:

[1] Nikolas Jaspert hat bereits 2015 auf die Potenziale einer konsequenten Einbindung ibero-mediävistischer Fallstudien in die deutsche Forschung hingewiesen, vgl. Nikolas Jaspert: Indirekte und direkte Macht iberischer Königinnen im Mittelalter. »Reginale« Herrschaft, Verwaltung und Frömmigkeit, in: Claudia Zey / Sophie Caflisch / Philippe Goridis (Hgg.): Mächtige Frauen? Königinnen und Fürstinnen im europäischen Mittelalter (11.-14. Jahrhundert), Ostfildern 2015, 123.

Robert Friedrich