Rezension über:

Christiane Hoth de Olano / Markus Raasch (Hgg.): Eichstätt im Nationalsozialismus. Katholisches Milieu und Volksgemeinschaft, 2. Auflage, Münster: Aschendorff 2024, IV + 307 S., 31 s/w-Abb., ISBN 978-3-402-13202-9, EUR 26,90
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Rezension von:
Manuela Rienks
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Manuela Rienks: Rezension von: Christiane Hoth de Olano / Markus Raasch (Hgg.): Eichstätt im Nationalsozialismus. Katholisches Milieu und Volksgemeinschaft, 2. Auflage, Münster: Aschendorff 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 3 [15.03.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/03/40696.html


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Christiane Hoth de Olano / Markus Raasch (Hgg.): Eichstätt im Nationalsozialismus

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Zwei Aspekten des vorliegenden Sammelbandes gebührt bereits vorab ein kleiner Applaus: Er rekurriert auf studentischen Qualifikationsarbeiten - und bei der rezensierten Ausgabe handelt es sich bereits um die zweite Auflage. Der Rezensentin sei damit auch der Hinweis auf die Erstrezension erlaubt [1] und der Fokus auf die neu hinzugekommenen Beiträge gestattet. Dass der vorliegende Band an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt entstand, schlägt eine Brücke zur Eichstätter Bevölkerung von heute. Christiane Hoth de Olano und Markus Raasch bewegen sich mit ihren Leitfragen im Forschungskontext auf der Höhe der Zeit, denn ihnen geht es um nicht weniger als um das Verhältnis von Katholizismus und Nationalsozialismus. Die einstige These, ein ausgeprägter Katholizismus habe gegen nationalsozialistischen Einfluss immunisiert und Widerstand gegen das NS-Regime habe sich im katholischen Milieu quasi von selbst herausgebildet, ist längst widerlegt. Darüber hinaus wird hier aber auch mit dem üblichen Reflex gebrochen, stattdessen die Gegenthese zu postulieren, der Katholizismus habe gerade zu einer Ausbreitung nationalsozialistischer Strukturen geführt. Vielmehr stellen die Verantwortlichen die Frage, wie und mit welchen Strategien der Nationalsozialismus innerhalb des katholischen Milieus agierte. Im Zentrum der Untersuchung stehen also die Vernetzungen und Schnittmengen zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus.

Der theoretische Ansatz, den Christiane Hoth de Olano und Markus Raasch verfolgen, mutet modern an: Es solle in konstruktivistischer Perspektive um Praktiken innerhalb des katholischen Milieus gehen, für welches das Fallbeispiel Eichstätt paradigmatisch stehe. Die einzelnen Beiträge setzen diesen Ansatz des doing catholicism und doing nationalsocialism unterschiedlich um. So hätte beispielsweise in den Beiträgen "Die 'Machtergreifung'" und "Mehrheitsbevölkerung und Kirche" eine Analyse der Praxis von (ausbleibenden) Kirchenaustritten stattfinden können. Von den neun Beiträgen stammen bereits sechs aus der Erstauflage, darunter die Aufsätze "Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel (BDM)" sowie "Sturmabteilung (SA) und Schutzstaffel (SS)". Hierzu gab es nur sehr wenig Forschung, die sich mit der Situation vor Ort auseinandergesetzt hat.

Ein Verdienst und Gewinn der zweiten Auflage ist die Weiterführung des Untersuchungszeitraums, etwa mit dem Beitrag von Tobias Hirschmüller zu "Erinnerungskulturen", der die Erinnerungspraktiken der "katholischen ländlichen Region von Eichstätt" mit der "nationalen Gedenkkultur" vergleicht und feststellt, dass "manche Entwicklungen verzögert, konträr oder gar nicht stattfanden". (292) So scheint die ansonsten verbreitete "antikommunistische Stoßrichtung bei der Erinnerung an das Kriegsende" (291) in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Eichstätt kaum zu greifen. Auch eine der Kernfragen des Sammelbandes wird hier thematisiert: Während ein genereller katholischer Widerstand in der NS-Zeit in der Stadt nicht auszumachen war, wird dieser Topos bis heute kaum hinterfragt. Die Erinnerung an einzelne "Retter" Eichstätts, also katholische Würdenträger, die mit dem Regime in Konflikt gerieten, hat im Gegenteil noch immer immense Bedeutung für den Identitätsdiskurs in der Region. Vor allem für andere Klein- und Mittelstädte im ländlichen Raum ist dieser Beitrag eine wertvolle Vergleichsfolie, denn der Umgang mit der eigenen schwierigen NS-Vergangenheit birgt allerorten Konfliktpotential.

Hirschmüller ist auch Autor eines zweiten neuen Beitrags mit dem Titel "Presse und Hitler-Kult". Wie im Beitrag zu "Erinnerungskulturen" wertet er die Eichstätter Presse aus und geht der Frage nach, "wie das katholische Milieu mit der nationalsozialistischen Herausforderung umging". (65) Er kommt anhand der Analysen von Artikeln zu Hitlers Geburtstag zu dem Schluss, dass die unabhängige und an christlicher Weltsicht orientierte Eichstätter Volkszeitung bis 1934/35 noch "deutlich auf Konfrontationskurs" gegangen sei. Erst 1937 konnte das NS-Regime die Presse des katholischen Milieus "propagandistisch mit der NS-Ideologie" gleichschalten. (81) Ob es sich bei dem längeren Standhalten - etwa im Vergleich zu ähnlichen Presseerzeugnissen in Hilpoltstein oder Ingolstadt - um gelebte Resilienz oder Leben in "Doppelgläubigkeit" (81) handelte, kann Hirschmüller nicht abschließend feststellen.

Neu hinzu gekommen ist auch der Beitrag von Julia Devlin zu "Displaced Persons". Dabei steht deren Alltagsleben und ihr Verhältnis zur "(katholischen) Mehrheitsgesellschaft" (223) im Mittelpunkt. Zudem fragt die Autorin nach den Orten, der Organisation und dem Personal der Lager der United Nations Relief and Rehabilitation Administration. Devlin ordnet die Eichstätter Camps als typisch für die amerikanische Besatzungszone ein. So wären sie nach ethnisch-nationalen Gesichtspunkten geordnet; Jüdinnen und Juden galten als eigene Gruppierung; die amerikanische Besatzungsmacht hätte eine größtmögliche Selbstverwaltung zum Ziel gehabt sowie die Förderung von Bildung, Sport und Kultur angestrebt. Das katholische Gepräge der Region habe keine große Rolle gespielt, da "konfessionelle Bande [...] nur vereinzelt die ziemlich robusten Gräben zwischen einheimischer Bevölkerung und 'Ausländern' [...] überwinden" (253) konnten. Die Kirche habe in dieser Hinsicht wenig Engagement gezeigt. Ebenso wie sich das Weltgeschehen - der Kalte Krieg und die Staatsgründung Israels - auf das Leben in den Eichstätter Camps auswirkte, so gerieten sie - wie in anderen Orten in der Bundesrepublik - rasch nach ihrer Auflösung in Vergessenheit. Hier konstatiert die Autorin eine große Gedächtnislücke, die zu schließen Aufgabe einer zukünftigen Eichstätter Lokalgeschichte sein müsse. Gleichzeitig entstünde hier eine Möglichkeit des Vergleichs zu anderen Städten und bundesweiten Entwicklungen.

Allen Beiträgen obliegt der Wunsch nach vergleichenden und weiterführenden Studien, so dass die Ergebnisse der lokalen Befunde stärker abgeglichen und in einen Kontext gestellt werden können. An stadtgeschichtlichen Aufarbeitungsprojekten mangelt es derzeit zwar nicht, doch fehlen in diesen Publikationen bislang häufig Bezüge zu übergeordneten und vergleichbaren Fragestellungen.

Positiv hervorzuheben sind die vielen Abbildungen sowie die hilfreichen Register. Beides bietet gerade für die lokalen, städtischen Interessen einen enormen Mehrwert. Das Gleiche gilt für den erschwinglichen Preis, der hoffentlich dafür sorgen wird, dass das Buch noch weitere Verbreitung vor Ort finden wird. Dieser Eindruck hätte sich noch verstärken lassen, wenn Christiane Hoth de Olano und Markus Raasch es angestrebt hätten, zu einzelnen zentralen Figuren der Eichstätter Stadtgeschichte knappe Biogramme anfertigen zu lassen oder durch Schaubilder und Kartenmaterial eine deutlichere Verortung in der Stadtlandschaft vorzunehmen.

Wünschenswert wäre zudem neben der gelungenen Einleitung ein abschließendes Fazit zu allen Beiträgen gewesen, in dem die Thesen, die hie und da am Ende der Beiträge aufscheinen, noch hätten zugespitzt werden können.


Anmerkung:

[1] Olaf Blaschke: Rezension zu: Hoth, Christiane, Raasch, Markus (Hrsg.): Eichstätt im Nationalsozialismus. Katholisches Milieu und Volksgemeinschaft, Münster 2017, in: H-Soz-Kult, 01.03.2019, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-26247; die erste Auflage erschien bereits im Jahr 2019.

Manuela Rienks