Manfred Waßner / Tjark Wegner / Ben Pope (Hgg.): Stadt und Adel. Tagungsband der 59. Jahrestagung des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung (= Stadt in der Geschichte; Bd. 49), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025, 366 S., Diverse Farbabb., ISBN 978-3-525-30293-4, EUR 50,00
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Die 59. Tagung des Südwestdeutschen Arbeitskreises beschäftigte sich mit dem Thema Stadt und Adel, welches bis in die jüngere Zeit hinein als Antagonismus gedeutet wurde. Dieses Geschichtsbild beruhte wesentlich auf Vorstellungen der "bürgerlichen Selbstvergewisserung und Identitätsstiftung" (11) der Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts. Die Handlungsweisen, Konkurrenzsituationen, aber auch Kooperationen zwischen adligen und städtischen Akteuren differenziert zu betrachten und dadurch neue Perspektiven für die Forschung zu eröffnen, war das erklärte Ziel der Herausgeber (23). Zu diesem Zweck wurden Beiträge zusammengetragen, die sich zeitlich vom Spätmittelalter bis ins Deutsche Kaiserreich erstrecken und unterschiedlichen methodischen Zugriffen folgen.
Ellen Widder (9-34) leitet den Band ein und bietet dabei einen Überblick zu den Entwicklungen in der Stadtgeschichtsforschung der letzten Jahrzehnte, zeigt dabei aber auch gleich auf, wo der Band einen toten Winkel aufweist. Denn während sich die Beiträge mit den wechselseitigen Beziehungen des Adels zu Reichs- und landesfürstlichen Residenzstädten widmen, wird der wichtige Aspekt adliger Stadtherrschaft komplett ausgelassen.
Der erste Beitrag stammt von den Archäologen Michael Kienzle, Moritz Foth und Lukas Werther, die sich mit dem Verhältnis der Reichsstadt Reutlingen zu den Herren von Greifenstein in der Zeit um 1300 beschäftigen (35-65). Im Zentrum steht die Frage, inwieweit sich schriftliche Überlieferung und archäologische Befunde aufeinander beziehen lassen, um so das Miteinander von Stadt und Adel zu beleuchten. Konkret geht es um materielle Zeugnisse für den Reichskrieg von 1311 zwischen Graf Eberhard von Württemberg und den schwäbischen Reichsstädten.
Marcus Meer widmet sich den Funktionen der Wappen als Kommunikationsmedium innerhalb der mittelalterlichen Stadt (67-101). Neben den Wohnhäusern der Bürger wurden Wappen vor allem in Kirchen, dem Rathaus oder Zunfthäusern in Szene gesetzt. Besonders wurde die Bedeutung des Wappens nach kaiserlichem Privileg in Haus- und Familienbüchern oder Stadtchroniken artikuliert. Die Zurschaustellung von Wappen war demnach ein Instrument, um im sozialen Wettbewerb innerhalb der Stadtgesellschaft einen Vorteil zu erhalten.
Eng aufeinander bezogen sind die Beiträge von Gabriele B. Clemens (103-122) und Ines Heisig (123-149). Zunächst setzt sich Gabriele B. Clemens mit den Adelswelten Italiens im 19. Jahrhundert auseinander und weist die Behauptung zurück, dass infolge der Französischen Revolution der Adel seine gesellschaftliche Vorrangstellung eingebüßt hätte. Vielmehr sei die adlige Kultur und Lebensweise weiterhin dominierend gewesen. Die vorbildliche Funktion der adligen Kultur zeigt sich besonders deutlich in Fällen von Nobilitierungen, da die Aufsteiger bemüht waren, sich den Habitus der etablierten Adelskreise anzueignen (117-120). Als Bühne zur Selbstinszenierung fungierten Opernhäuser, Cafés, Piazza, Akademien und Salons. Am Beispiel der Familie Heyl verdeutlicht Ines Heisig das zuvor für Italien Dargelegte. Die Heyls können als Grenzgänger innerhalb des Deutschen Kaiserreichs zwischen Wirtschaftsbürgertum und Aristokratie gelten, die mit der Gestaltung ihres Wohnraums, dem Heylshof in Worms, dezidiert an den adligen Lebensstil anknüpften. Mit ihrer Kunstsammlung und ihrem Wohnstil wollten die Heyls zu den Eliten aufschließen.
Joachim Brüser thematisiert die Witwenversorgung im frühneuzeitlichen Herzogtum Württemberg (151-183). Im Fokus seiner Ausführungen steht Kirchheim unter Teck, das mit fünf Verschreibungen als Witwensitz am häufigsten ausgewählt wurde. Der Vergleich mit anderen Fürstentümern zeigt, dass Württemberg eine Ausnahme darstellte, da hier die Witwen nicht innerhalb der Hauptstadt einen Wohnraum zugeteilt bekamen, sondern in Oberämtern, die an Stuttgart mehr oder minder angrenzten.
In zwei Mikrostudien setzen sich Ludwig Ohngemach mit dem Ritterkanton Donau in Ehingen (185-230) und Daniel Menning mit dem Getreidehandel der Freiherren von Liebenstein (231-251) auseinander. Für die Reichsritterschaft war die Anbindung an die Habsburger von essentieller Bedeutung, um sich vor stärkeren Reichsständen zu schützen. Die Verlegung der Kanzlei und des Archivs in das vorderösterreichische Ehingen gegen Ende des 17. Jahrhunderts entsprang diesem Sicherheitsbedürfnis. Die Stadt selbst pflegte ein ambivalentes Verhältnis zur Institution des Ritterkantons: Einerseits profitierte man von der Kanzlei als Wirtschaftsfaktor und der Expertise von deren Personal, gleichzeitig kam es immer wieder zu Streitigkeiten, weil der Ritterkanton eine exemte Korporation war. Daniel Menning geht in seinem Beitrag der Frage nach, wie durch den Getreidehandel Beziehungen zwischen Adel und Stadt funktionierten. Im Gegensatz zu älteren Forschungsansichten kann gezeigt werden, dass deutlich früher Marktmechanismen die Handlungen des Adels leiteten. Gleichfalls ergibt sich eine Differenz bezüglich der Handelspartner: Während die eigenen Dörfer gerade in Krisenzeiten vorteilhaftere Konditionen bekamen, gab es derlei Vorzüge für städtische Abnehmer nicht. Dahinter stand die paternalistische Fürsorgepflicht der Adligen gegenüber ihren Untertanen.
Roland Deigendesch nimmt sich der Nutzung von (Reichs-)Städten als Lagerorte für das Schriftgut des Adels an (253-274). Dazu schlossen die Adligen mit der verwahrenden Stadt einen Depositalvertrag ab, Legbrief genannt - eine bislang nicht gebührend gewürdigte Quelle zur Archivgeschichte. Deigendesch macht damit auf einen wichtigen Aspekt der Beziehungen zwischen Stadt und Adel aufmerksam, verweist aber gleichzeitig auf ein Desiderat, das anhand eines Einzelbeispiels nicht ausreichend erforscht werden kann.
Niklas Konzen kann in seinem Beitrag (275-293) zeigen, dass die Städtefeindschaft des Hans von Rechberg eine bewusst eingesetzte Taktik war: Zum einen sollte damit das Legitimationsdefizit seiner Fehdehandlungen ausgeglichen werden, indem er an die gemeinsame Erinnerung des südwestdeutschen Adels im Kampf gegen die Eidgenossenschaft anknüpfte. Zum anderen wurde auf diese Weise versucht, den Druck, den Württemberg und Österreich auf den schwäbischen Niederadel ausübten, auf die Städte umzuleiten und so die eigenen Handlungsspielräume zu erweitern.
Ben Pope beschäftigt sich mit den Dienstbeziehungen zwischen dem ländlichen Adel und der Stadt Nürnberg (295-326). Die Adligen nahmen im Dienste der Stadt unterschiedliche Rollen ein, etwa in militärischen Konflikten als Hauptmänner oder konnten als Gesandte Zugang zu höfischen Netzwerken erlangen, die den Bürgern verschlossen blieben. Weil man ihnen als Außenstehenden Aufgaben anvertrauen konnte, ohne dass sie die Machtstellung des Rates im politischen Gefüge der Stadt gefährdeten, waren sie für die kleine Elite der ratsfähigen Familien von unschätzbarem Wert. Dem Landadel wiederum bot der Dienst außer einer Einnahmequelle eine Option, um nicht in die Abhängigkeit der Fürsten zu geraten. Im Gegensatz zu anderen Reichsstädten endete die Indienstnahme des Adels in Nürnberg nach 1500.
Den Abschluss des Bandes bildet der Beitrag zu Burgöffnungen der schwäbischen Reichsstädte von Tjark Wegner (327-351). Dabei nimmt Wegner verschiedene Formen in den Blick, wie Burgen Städten geöffnet werden konnten. Auffallend ist die zeitliche Verteilung der Burgöffnungen: Diese erfolgten nämlich gehäuft im Vorfeld des ersten (1387-1389) und zweiten Städtekriegs (1449/50), nur um dann jeweils rapide abzunehmen.
Den Herausgebern ist es mit diesem Band gelungen, einen wichtigen Beitrag zur Adels- und Stadtgeschichtsforschung zu leisten. Auch wenn die Einschränkung der Beispiele auf den Südwesten und die Aussparung des wichtigen Themas adliger Stadtherrschaft zwei Mankos des Bandes sind, wurden wichtige Perspektiven eröffnet, die darauf warten, von der Forschung aufgegriffen zu werden. Nicht zuletzt für die vergleichende Landesgeschichte wird das Thema Stadt und Adel sich noch als sehr ergiebig erweisen.
Matthias Kühlwein