Miriam Frenkel: "The Compassionate and Benevolent": Jewish Ruling Elites in the Medieval Islamicate World. Alexandria as a Case Study (= Studies in the History and Culture of the Middle East; Vol. 39), Berlin: De Gruyter 2021, XXV + 333 S., ISBN 978-3-11-071287-2 , EUR 124,95
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Miriam Frenkel untersucht die jüdische Führungsschicht Alexandrias im Mittelalter und nutzt die Stadt als Fallbeispiel, um allgemeinere Aussagen über Macht, soziale Netzwerke, Elitenbildung und Gemeindeführung im islamisch geprägten Mittelmeerraum zu treffen. Die zentrale These des Buches richtet sich gegen die Vorstellung einer homogenen jüdischen Gemeinde und gegen ein ausschließlich hierarchisches Modell jüdischer Selbstverwaltung. Die Verf. argumentiert, dass die tatsächlichen Machtverhältnisse wesentlich stärker durch horizontale Beziehungen geprägt waren. Entscheidend waren persönliche Kontakte, Verwandtschaft, wirtschaftliche Partnerschaften, Bildung und die Zugehörigkeit zu einem weitgespannten sozialen Netzwerk. Die Macht eines Menschen beruhte deshalb nicht ausschließlich auf seinem Amt, sondern vor allem darauf, welche Position er innerhalb dieses sozialen, wirtschaftlichen und intellektuellen Netzwerks einnahm.
Die wichtigste Quellengrundlage bilden Dokumente aus der berühmten Kairoer Geniza. Diese Briefe, Verträge, Rechtsdokumente, Bittschriften und privaten Korrespondenzen erlauben außergewöhnlich detaillierte Einblicke in den Alltag mittelalterlicher jüdischer Gesellschaften. Gleichzeitig betont Frenkel, dass die Quellen keineswegs neutral sind. Sie wurden überwiegend von gebildeten, schreibkundigen Personen produziert und spiegeln deshalb besonders stark die Perspektive der sozialen Oberschicht wider. Gerade dieser Umstand wird jedoch für die Untersuchung produktiv genutzt: Die Geniza zeigt nicht einfach 'die jüdische Gesellschaft', sondern vor allem eine Gruppe, die aufgrund ihrer Bildung, ihrer Ämter und ihrer ökonomischen Aktivitäten besonders viele schriftliche Spuren hinterließ. Die Verf. liest die Dokumente dabei nicht nur philologisch nach ihrer offensichtlichen Aussage, sondern sucht auch nach unausgesprochenen sozialen Regeln, sprachlichen Konventionen und Machtbeziehungen.
Den historischen Rahmen bildet vor allem die Zeit vom frühen 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, also jene Epoche, die einen Großteil der klassischen Geniza-Dokumente hervorgebracht hat. Politisch umfasst sie insbesondere die Herrschaft der Fatimiden und der Ayyubiden. Alexandria war in dieser Zeit ein bedeutender Hafen, Handelsplatz und Verbindungspunkt zwischen dem Mittelmeer, dem Nahen Osten und den Handelswegen bis in den Indischen Ozean.
Frenkel rekonstruiert im zweiten Teil ihrer Arbeit anhand zahlreicher Einzelbiografien die jüdische Führung Alexandrias. Die prosopografische Methode dient dazu, durch die Untersuchung vieler Personen ein kollektives Profil der sozialen Gruppe zu entwickeln. Unter den untersuchten Personen finden sich Richter, Ärzte, Kaufleute, Gelehrte und wohlhabende Gemeindemitglieder. Einige stammten aus alten einheimischen Familien, andere waren Zuwanderer aus Nordafrika oder Europa. Manche verfügten über offizielle Ämter, andere übten ohne formalen Titel erheblichen Einfluss aus. Unter anderem zeigen diese Biografien, dass es kein einheitliches Profil des 'Gemeindevorstehers' gab. Mitunter standen zwei oder drei Personen gleichzeitig an der Spitze, kooperierten oder konkurrierten miteinander. Ein Richter konnte zugleich der eigentliche Gemeindeführer sein, musste es aber nicht. Umgekehrt konnten Personen ohne offizielles Amt in der Praxis mehr Macht besitzen als nominelle Amtsträger. Gerade diese Diskrepanz zwischen formaler Stellung und tatsächlicher Macht ist für Frenkels Argument entscheidend. Ämter waren wichtig, aber nicht ausreichend. Einfluss entstand durch gesellschaftliche Einbettung.
Der dritte Abschnitt der Studie fragt systematischer nach den Quellen und Instrumenten von Macht und Herrschaft. Macht versteht Frenkel nicht ausschließlich als Zwang, sondern unterscheidet verschiedene Formen wie Autorität und Einfluss sowie die Kontrolle gesellschaftlich wertvoller Ressourcen. In der Praxis griffen die jüdischen Führer Alexandrias auf sehr unterschiedliche Strategien wie etwa rechtliche Maßnahmen, soziale Sanktionen, Überredung und Vermittlung zurück. Besonders wichtig ist der Verf., nicht nur die formal vorgesehenen Kompetenzen eines Amtes zu beschreiben, sondern danach zu fragen, wie Herrschaft tatsächlich funktionierte. Von herausragender Bedeutung war die Kontrolle von Informationen. In einer Welt langsamer Kommunikation besaß derjenige besonderen Einfluss, der Nachrichten früh erhielt und weiterleiten konnte. Auch die Beziehungen zur muslimischen Herrschaft funktionierten überwiegend über kommunikative Netzwerke. Alexandrinische Gemeindeführer verfügten selten über unmittelbaren Zugang zum Hof. Um Schutzbriefe, politische Unterstützung oder Hilfe bei Konflikten zu erhalten, waren sie auf Vermittler in Fustat und Kairo angewiesen, die ihrerseits Kontakte zu hochrangigen Beamten oder zum Herrscherhaus besaßen.
Weshalb man tatsächlich von einer sozialen Elite sprechen kann, beschreibt Frenkel im vierten Kapitel. Sie prüft dafür mehrere Kriterien: gemeinsame Interessen, Mechanismen der Ausbildung, eine geteilte Kultur und interne Kommunikationsformen. Die Mitglieder der Gruppe teilten wirtschaftliche Interessen und unterstützten sich gegenseitig, sie wurden aber zugleich durch bestimmte Bildungswege auf ihre gesellschaftliche Rolle vorbereitet. Elitenzugehörigkeit war daher nicht automatisch mit Reichtum identisch. Entscheidend war ein Bündel von Fähigkeiten: Bildung, Kenntnis religiöser Traditionen, geschäftliche Fähigkeiten, Umgangsformen und die Fähigkeit, soziale Beziehungen zu pflegen. Die Sozialisation begann früh und machte bestimmte Positionen für Personen außerhalb dieses Milieus nur schwer erreichbar. Das widerspricht der Vorstellung, begabte Außenseiter hätten allein durch persönliche Leistung problemlos in die Führungsschicht aufsteigen können. Vielmehr mussten Fähigkeiten erst durch eine Erziehung erworben werden, die vor allem innerhalb etablierter Familien und sozialer Kreise verfügbar war. Frenkel kann insgesamt sehr überzeugend nachweisen, dass in Alexandria tatsächlich eine relativ geschlossene herrschende Elite existierte. Zugleich blieb diese aber nach außen weitgehend unsichtbar, weil die jüdische Gesellschaft ideologisch stärker Einheit und gemeinsame religiöse Zugehörigkeit betonte als Klassenunterschiede. Die Elite präsentierte ihre Werte daher nicht als Sonderinteressen, sondern verband sie mit allgemein anerkannten Idealen wie Bildung, Wohltätigkeit und Gemeindedienst.
Die grundlegende Bedeutung des Buches liegt in einem Perspektivwechsel. Jüdische Gemeindegeschichte erscheint nicht länger als Geschichte von Institutionen und festgelegten Ämtern, sondern als Geschichte konkreter Menschen und ihrer Beziehungen. Macht floss nicht einfach von oben nach unten. Sie bewegte sich durch ein Geflecht aus Familien, Geschäftsbeziehungen, Gelehrtenkontakten, Freundschaften, Korrespondenzen und politischen Vermittlern. Formale Titel konnten hilfreich sein, waren aber nicht entscheidend. Ein Mensch ohne offizielles Amt konnte große Macht besitzen, während ein nomineller Führer ohne soziale Verankerung kaum handlungsfähig war.
Stephan Conermann