Christian Zech: Siegfried Aufhäuser. Gewerkschafter, Politiker und jüdischer Sozialist. 1884 - 1969, Göttingen: Wallstein 2025, 551 S., ISBN 978-3-8353-5837-9, EUR 59,00
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Wer am S-Bahnhof Sonnenallee der Berliner Ringbahn im Bezirk Neukölln aussteigt, überquert direkt davor den Siegfried-Aufhäuser-Platz. Siegfried Aufhäuser, der Name dürfte nur wenigen Menschen heutzutage noch etwas sagen, obwohl mittlerweile bundesweit mehrere Straßen und Plätze nach ihm benannt sind, von Augsburg bis Hannover.
Dass sich im Lebensweg des jüdischen Gewerkschafters die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und damit generell der Entwicklung Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spiegelt, zeigt Christian Zech in seiner Dissertation.
Die Biografie ist vor allem auch deswegen beeindruckend, weil die Quellenlage schwierig ist. Direkt von Aufhäuser selbst finden sich trotz seiner jahrzehntelangen politischen und gewerkschaftlichen Aktivitäten abgesehen von Druckschriften nur wenige Archivalien. Zech musste deshalb oft auf Gegenüberlieferungen zurückgreifen und über indirekte Wege den Zugang erschließen. Dafür hat der Autor über ein Dutzend Archive von Deutschland über Israel bis in die USA genutzt.
Die vier großen Kapitel des Buches rekonstruieren das Leben Aufhäusers chronologisch von der Geburt in Augsburg 1884, über die frühe gewerkschaftliche Organisierung im Kaiserreich, das Engagement für die Weimarer Republik, die Exilstationen nach 1933, der Rückkehr in die Bundesrepublik 1951 bis zu seinem Tod 1969.
Siegfried Aufhäuser wuchs als dritter Sohn in einer wohlsituierten Familie auf. Die Eltern, Hermann und Julie, entstammten einem jüdisch-orthodoxen Umfeld. Auch wenn ihre eigene Küche noch koscher geführt wurde und sie die religiösen Feiertage einhielten, pflegten sie doch ein lockeres Verhältnis zur Religion und waren weitgehend assimiliert. Darauf deutet nicht nur die Namenswahl für ihre vier Kinder hin, sondern auch, dass Hermann seiner beruflichen Tätigkeit als (Mit-)Inhaber eines Zigarren- und Spirituosengeschäfts auch am Schabbat nachging.
Nach der Schule zog Siegfried Aufhäuser von Augsburg nach München, um eine Lehre als Kaufmannsgehilfe zu beginnen. Dort trat er auch dem liberalen Verband der deutschen Gewerkvereine bei, der Beginn seiner lebenslangen Organisierung in der Angestelltenbewegung. Seinerzeit war der Unterschied zwischen Arbeitern und Angestellten noch sehr groß, auch wenn beide Berufsgruppen abhängig beschäftigt waren. Vor allem in ihrem Selbstverständnis hatten die Angestellten als "Arbeiter des Kopfes" nichts mit den Proletariern als "Arbeitern der Hand" zu tun. Die beiden Statusgruppen wurden lange Zeit sozialrechtlich und in anderer Hinsicht unterschiedlich behandelt.
Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung in der bayerischen Hauptstadt zog es Aufhäuser nach Berlin, wo er zunächst in einem großen Kaufhaus arbeitete. Dort engagierte er sich verstärkt in der Angestelltenpolitik und in linksliberalen Parteien, unter anderem in der Demokratischen Vereinigung. In der Metropole lernte er auch seine spätere Ehefrau Anna Stein kennen, die ebenfalls gewerkschaftlich und politisch in der Sozialdemokratie aktiv war. Zusammen mit ihr ließ sich Aufhäuser aus beruflichen Gründen 1911 einige Jahre in Frankfurt am Main nieder. Zurück in Berlin verstärkte er sein Engagement in der Angestelltenbewegung und trat vehement für ein Zusammengehen der verschiedenen gewerkschaftlichen Angestelltenverbände ein.
Im Zuge des Ersten Weltkriegs näherte er sich als Kriegsgegner mehr und mehr der Sozialdemokratie an und trat schließlich in Herbst 1918 der USPD bei. Er setzte sich für die parlamentarische Staatsform ein, die er aber für kompatibel mit den Zielen der Rätebewegung hielt. Seit 1921 war er außerdem Abgeordneter im Reichstag. Da Aufhäuser die Politik der KPD ablehnte, schloss er sich ein Jahr später wieder der Mehrheitssozialdemokratie an. Als Parlamentarier war er ein vehementer Verteidiger der Weimarer Republik. Intern kritisierte er jedoch den Kurs der Parteiführung häufig von links und setzte sich für eine progressive Sozial- und Wirtschaftspolitik ein. Hierzu gehörte etwa ein ständiges Nachdenken über eine andere Eigentumsordnung und genossenschaftliche Modelle. Seinerzeit schlossen sich auch verschiedene Angestelltenverbände im Allgemeinen freien Angestelltenbund (AfA-Bund) zusammen, zu dessen Vorsitzenden Aufhäuser gewählt wurde.
Bis zum Ende der Weimarer Republik setzte er sein politisches und gewerkschaftliches Engagement fort. Als exponierter Sozialdemokrat und kämpferischer Gewerkschafter geriet Aufhäuser nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler Ende Januar 1933 ins Visier der Nationalsozialisten. Einer drohenden Verhaftung entzog sich er durch eine Flucht über Saarbrücken nach Prag, wo er die nächsten Jahre mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter Eva verbrachte. Dort erlebte Aufhäuser alle Widersprüche und Verwerfungen des Exils und entfernte sich vom Parteivorstand der SPD, weil er gegen die Parteilinie für eine Kooperation aller linken und sozialistischen Kräfte im Widerstand gegen das NS-Regime plädierte, auch unter Einschluss der KPD.
Während seine Tochter als 17-Jährige 1934 ins britische Mandatsgebiet Palästina in einen Kibbuz ging, verschlug die nationalsozialistische Expansionspolitik Siegfried und Anna Aufhäuser zuerst weiter nach London und schließlich 1942 nach New York.
In der Neuen Welt bewegte er sich weiter im Umfeld der sozialdemokratischen Exilanten und baute seine journalistischen Tätigkeiten aus, sowohl aus finanziellen Erfordernissen heraus als auch um einer amerikanischen Leserschaft die Situation in Deutschland zu erläutern. Vor allem schrieb er für die deutsch-jüdische Zeitschrift Aufbau.
Dort befasste er sich auch mit Antisemitismus, der möglichen Zukunft für Juden und dem Zionismus. Damals drangen die ersten Meldungen über den Massenmord an den Juden über den Atlantik, die Aufhäuser ebenfalls in seinen Artikeln aufgriff: "Die Ausrottung der Juden ist das Wetterleuchten für das Gewitter, das über die von den Nazis unterdrückten Völkern niedergehen wird. Das große Sterben der Juden, das wir schaudernd erleben, sollte der Weltdemokratie zeigen, um was es im Kriege selbst geht." (371) Deshalb sei es geboten, die noch lebenden Juden zu retten. Es handle sich um eine Frage der Menschlichkeit. Dabei dürften die demokratischen Staaten nicht neutral sein. Um die Kriegsanstrengungen gegen das NS-Regime zu unterstützen, arbeitete Aufhäuser mit amerikanischen Regierungsinstitutionen zusammen.
Nach der Befreiung knüpfte er bald Kontakt zu sozialdemokratischen Genossen und Gewerkschaftern in Westdeutschland und beteiligte sich an Debatten über den Wiederaufbau. Allerdings entschloss er sich erst 1951 zusammen mit seiner Frau zu einer Rückkehr in die Bundesrepublik, ins geteilte Berlin. Dort engagierte er sich erneut in der Angestelltenbewegung, wurde zunächst Sekretär in der vom Deutschen Gewerkschaftsbund unabhängigen Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und schließlich zum Vorsitzenden des Berliner Landesverbands gewählt. Ebenso wurde er wieder in der SPD aktiv.
Obwohl Aufhäuser nie sonderlich religiös war, trat er der Jüdischen Gemeinde bei und bekannte sich öffentlich zu seiner jüdischen Herkunft. Nach dem Holocaust betrachtete er diesen Schritt als Verpflichtung. So schrieb er bereits 1943 in einem Artikel, dass die mögliche Zukunft von Juden im Nachkriegsdeutschland davon abhängen werde, "ob es Juden gibt, die Juden bleiben wollen und sich zur jüdischen Gemeinschaft bekennen" (488).
Kurz nach Bildung der ersten sozialdemokratisch geführten Regierung unter Willy Brandt am 6. Dezember 1969 starb Siegfried Aufhäuser im Alter von 85 Jahren. Zusammen mit seiner neun Jahre zuvor verstorbenen Ehefrau Anna ist er auf dem Jüdischen Friedhof in Freiburg im Breisgau beigesetzt.
Die gut geschriebene Biographie von Christian Zech unterstreicht die Bedeutung des jüdischen Sozialisten und Gewerkschafters. Sie macht deutlich, wie sich anhand eines Lebenslaufs in der Arbeiterbewegung die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt und welche Relevanz die Gewerkschaften darin spielen. Insofern ist das Buch von Christian Zech ein Beispiel für das Erkenntnispotenzial einer erneuerten Gewerkschaftsgeschichte.
Sebastian Voigt