Rezension über:

Karl H. Metz: Ursprünge der Zukunft. Die Geschichte der Technik in der westlichen Zivilisation, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2006, 579 S., ISBN 978-3-506-72962-0, EUR 49,90
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Rezension von:
Hans-Liudger Dienel
Zentrum Technik und Gesellschaft, Technische Universität Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Hans-Liudger Dienel: Rezension von: Karl H. Metz: Ursprünge der Zukunft. Die Geschichte der Technik in der westlichen Zivilisation, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9 [15.09.2007], URL: https://www.sehepunkte.de
/2007/09/10858.html


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Karl H. Metz: Ursprünge der Zukunft

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Ein großer Wurf! Diese grundlegende Geschichte der westlichen Zivilisation erregt die Gemüter. Sie ist schon sehr kritisch [1] oder gemischt-freundlich [2] besprochen worden. Ihr Ansatz und Stil erfährt hier eine positive und teilweise emphatische Würdigung. Karl Metz hat einen großen Anspruch, vergleichbar mit Siegfried Gideon oder Lewis Mumford, die, wie er, ihre Stimme eher von außen erhoben und deshalb unabhängig und innovativ wirken konnten. Für ihn sind Mechanisierung und Maschine nur eine Etappe auf der Bahn zu neuen Lebenswelten. Wie Gideon und Mumford ist Metz in seinem Anspruch zugleich prinziperklärend auf epochaler, anthropologischer oder kultureller - kurz sehr allgemeiner - Ebene, wunderbar detailorientiert und technikprinziperklärend. Dass ihm dabei manche Fehleinschätzungen unterlaufen, etwa die Überschätzung der Geschwindigkeit der Einführung von Technologien (wie der Diesellokomotiven in den USA; 459) ist unvermeidlich und sekundär.

Wie Max Weber am Beginn oder Thomas Hughes am Ende des 20. Jahrhunderts will Metz die Ursachen der europäisch-amerikanisch-westlichen Dominanz in der modernen Technikentwicklung erklären. Er verwendet aber, das ist eine Schwäche des Buchs, nur wenig Kraft auf das vergleichende Studium der chinesisch-konfuzianischen, indisch-hinduistischen oder verschiedenen islamischen Techniktraditionen, die er in seinen Schlussfolgerungen von der westlichen Zivilisation abgrenzt. So wirken seine Urteile über diese Kulturen pauschal und verzerrend ("Zu einer schöpferischen Rezeption westlicher Technologie wie in Japan, aber auch in China und Indien, ist es in der islamischen Welt bis heute nicht gekommen", 564), auch wenn einzelne Thesen, etwa zu der brahmanisch-indischen Prädisposition für große Leistungen in der nicht stofflichen Mathematik und Softwareentwicklung, erhellend sind. Max Weber hat die Rationalisierung und Bürokratisierung der westlichen Welt detailorientiert beschrieben und letztlich pessimistisch als einen irreversiblen Prozess gedeutet, der zwar zur Dominanz des Westens geführt habe, aber das "Menschentum" im Kern bedrohe. Im Vergleich dazu ist Metz optimistischer, was die Gestaltung der Technik durch den Menschen angeht, auch wenn er bei den "Technologien des Lebens" schaudert.

Das Buch ist bei aller Detailorientierung kein Kompendium der Technikgeschichte, dafür blendet es zu viele Bereiche aus. Es ist eine thesenreiche Interpretation der westlichen Zivilisation, abwägend, innovativ vergleichend, thesenreich interpretierend, originell einordnend und bewertend im Hinblick auf seine zentralen Fragestellungen der inneren Kraft und Dynamik der Technisierung, der unterschiedlichen kulturellen Rahmenbedingungen für Technik, Wirtschaft und Arbeit und der Beschleunigung der Veränderungen. Das Buch von Metz überzeugt daher nicht nur im Großen, sondern vor allem im Kleinen, in einzelnen Interpretationen und gelungenen Sätzen.

Metz hat sich entschieden, ohne Zitate und Belege zu arbeiten, wodurch der ohnehin sehr lesbare Stil an Prägnanz und Dichte weiter gewinnt. Als Kompensation bietet er am Ende eine strukturierte aber zu kurze, lückenhafte und insgesamt veraltete annotierte Bibliographie zu den einzelnen Hauptkapiteln. Metz greift offensichtlich viel auf die Propyläen Technikgeschichte, die 12-bändige Reihe "Technik und Kultur" und andere Gesamtdarstellungen zurück, hat allerdings die neuere Literatur zur Technikgeschichte nicht immer hinreichend ausgewertet. [3] So atmen manche seiner Thesen den Forschungsstand vergangener Jahrzehnte, etwa, wenn Metz die Würde der Arbeit als mittelalterliche, europäische Erfindung einführt.

Das Buch beginnt mit einem fulminanten Aufschlag, einer ungewöhnlichen und beeindruckenden Gliederung, welche viele Thesen des Buches einführt oder andeutet. Das erste Hauptkapitel ("Das Prinzip Werkzeug") fasst die Entwicklung bis zum Beginn der Moderne (französisch als Ende des Ancien Régime verstanden) zusammen und ist damit ein achtzigseitiger Anlauf zu den drei weiteren Hauptkapiteln zum 19. und 20. Jahrhundert, denen unter den Überschriften "Das System Industrie" (über Mechanisierung, Arbeit als Disziplin und Pathos und die technologische Dynamik des Industriesystems), "Das Kriegszeug" als "Negation des Werkzeugs" (über die Mechanisierung und Industrialisierung des Kriegs) und schließlich über "Das technozentrische Zeitalter" (über die vielfache Krise und neue Perspektiven der technikgeprägten Moderne) rund 460 Seiten gewidmet sind. Am Ende des Buches belohnt Metz sich und den Leser mit 20seitigen kulturwissenschaftlichen Vergleichen und Schlussfolgerungen, die seine Thesen zur Bedeutung der Technik als Symbol und Ausdruck der arbeitsamen, innovativen und sich dynamisch beschleunigenden Gesellschaft in einem erst hier breiter vorgetragenem Kulturvergleich zusammenfassen.

Manche seiner Überschriften machen neugierig, aber passen nicht ganz zum Text. Warum etwa ist das technozentrische Zeitalter in der Überschrift der "Übergang in die posthumane Gesellschaft"? Ist das Ende der Menschheit gekommen? Die im Kapitel beschriebenen "Hypertechnologien" Energiewirtschaft, Raumfahrt, Informations- und Kommunikationstechnik, die Nachhaltigkeit als technologisches Prinzip sowie die Veränderung der Normalarbeitszeit lassen diesen Schluss nicht zu. Allenfalls das (zu) kurze Kapitel über die Technologien des Lebens ist in diese Richtung interpretierbar.

Bei insgesamt großer Originalität fällt Metz immer wieder auch in Interpretationen zur Geschichte der Technik in der westlichen Zivilisation zurück, die zum Teil veraltet sind, zum Teil andernorts hinterfragt werden. An diesen Stellen wird Metz seinem Anspruch, eine Neuinterpretation der westlichen Technikgeschichte zu liefern, nicht gerecht. Dazu gehört die Beschreibung der mediterranen Antike als einer Gesellschaft, in der Arbeit grundsätzlich niedrig bewertet und den Geringsten aufgezwungen wurde. (Was ist mit dem Pioniergeist der griechischen Kolonialisten, dem Stolz und Wagemut der seefahrenden Händler, der Arbeitsorientierung der römischen Bauern und der Bereitschaft zu gemeinsamem Dienst bei der Hoplitenphalanx oder den römischen Legionen?) Dazu gehört auch die These der kontinuierlichen Beschleunigung der Veränderung der Welt. (Demgegenüber ist etwa von David Edgerton schon vor 15 Jahren die These einer im Vergleich zu früheren Zeiten relativ großen Stabilität der Lebensverhältnisse im Westen seit 1945 vertreten worden.) Dazu zählt schließlich der Gedanke der Verflüssigung und Vergeldlichung der Zeit durch Uhren und die Entstehung städtischer Zeit- und Geldinseln im Mittelalter. Doch ausgehend von diesen bekannten Standardargumentationsfiguren zur Entwicklung und Wechselwirkung von Technik und Gesellschaft gelingen Metz immer wieder überraschende Interpretationen und Vergleiche, von denen einige Beispiele angeführt seien:

In Habers Hochdruckammoniaksynthese erkennt er das Ende des Rohstoffmonopols der Natur und die Geburtsstunde vieler neuer Materialien des "jetzt"; zeitflüchtig, wie die moderne Gesellschaft (303). Die Durchsetzung der Schreibmaschine empfindet er mit Nietzsche durch die höhere Schreibgeschwindigkeit als eine "Befreiung des Gedankens", die sich allerdings nun im Geklapper der Maschinen verwirklicht (318). Das rigide Training zur Präzisionsarbeit (etwa durch das bis heute in Metalllehrberufen praktizierte Feilen gerader Flächen), das der englische Werkzeugmaschinenbauer Henry Maudslay in seinem Unternehmen einführte, stellt Metz in seiner umwälzenden Bedeutung für das Arbeitsethos mit dem Arkwright'schen Training der Fabrikdisziplin auf eine Stufe (159). Die von Metz immer wieder gezogene Parallele von technischer und politischer Geschichte spiegelt sich in seiner Beobachtung, "dass die Automatisierung aller technischen Abläufe im Raumschiff, die jede Einmischung des Kosmonauten überflüssig machte, vor allem in der Sowjetunion faszinierte, wo das Experiment des Kommunismus in bürokratischer Despotie erstarrt war" (477). Brutal enthüllend folgt sodann der Hinweis, dass der Gestalter dieser Automatisierung, der russische Raumfahrtpionier Sergej Koroljow, selbst zeitweise im Gulag war. Für die Zukunft des Krieges prognostiziert Metz eine "partisanenhafte Durchdringung der Technologie" (440). Die durch moderne Biotechnologie technisch leichter mögliche Eugenik führt nach Metz zu einer neuen Ethik jenseits des Christentums, das zivilisatorisch noch die Struktur einer Agrargesellschaft wider spiegele (500). Das sind nur einige beispielhaft herausgegriffene Formulierungen und Einsichten.

Bestimmte Felder der Technikentwicklung hat Metz erstaunlicherweise weitgehend ausgeblendet. Es geht ihm eben weniger um eine Gesamtdarstellung als um eine Gesamtinterpretation. Doch warum Metz die vorindustriellen Verkehrstechnologien, wie die Wechselwirkung zwischen der Entwicklung der Schiffe von der Kogge zur Karavelle mit Wirtschaft, Politik und Geistesgeschichte so vernachlässigt und die großen Entdeckungsreisenden am Beginn der Neuzeit nicht erwähnt, bleibt unklar - ihre Analyse hätte manche These im Buch doch gestärkt und unterstrichen.

Wenn Metz das Hauptaugenmerk auf Beschleunigung und Innovation legt, werden doch die Gegenbewegungen ebenfalls analysiert. Dazu gehören für Metz die Entwicklung von Sicherheitsstrategien oder der Sozialgesetzgebung. Weniger Aufmerksamkeit widmet er der Entschleunigung des Lebens durch die Zunahme von Freizeit, von privaten Rückzugsräumen, von Suburbia, sowie den neuen Konjunkturen von Religiosität und Frömmigkeit und den damit zusammenhängenden Technologien, etwa der Wellnessindustrie, dem "Slow Food" und der Wachstumsindustrie des Tourismus.

Bei aller Detailkritik ist das Buch insgesamt ein ganz großer Wurf. Zudem macht das Lesen wegen der thesenreichen Sprache Spaß und regt zu eigenen Interpretationen an. Das Buch ist anregend und grundlegend und hat damit, wie der Verlag auf der Rückseite schreibt, "das Zeug zu einem Standardwerk".


Anmerkungen:

[1] Ulrich Wengenroth, Technikgeschichte 1/2007.

[2] Wolfgang König, Archiv für Kulturgeschichte, 2007 (im Erscheinen)

[3] Armin Herrmann/Wilhelm Dettmering (Hg.): Technik und Kultur. 10 Bde, Düsseldorf: VDI Verlag 1989-1994; Wolfgang König (Hg.): Propyläen Technikgeschichte. Berlin: Propyläen Verlag, 1990-1992.

Hans-Liudger Dienel